Máriahalom oder Kirva, ein deutsch/ungarisches Dorf

Es gibt 6 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Johannes56.

  • Bei einer Spazierfahrt kam ich an einer Kapelle vorbei die mein Interesse weckte.



    Eine Hinweistafel am Straßenrand verriet mir den Namen der Kapelle: Mariä Heimsuchung Kapelle.



    Leider war sie verschlossen. Ich musste mich also mit den Äußerlichkeiten begnügen.


    Im Giebel entdeckte ich diese Tafel mit deutscher Inschrift.



    Es musste also eine Marienkapelle sein.
    Diese Annahme wurde durch eine Tafel darunter bekräftigt.



    Der Name des Ortes wird hier auch erwähnt: Kirva.
    Kirva? Auf dem Ortsschild steht aber Máriahalom!



    Das Schild mit dem alten deutschen Namen Kirwa hatte ich nicht beachtet. Warum aber mal mit v und mal mit w?
    Das ungarische Alphabet kennt eigentlich kein w, sondern das v wird wie ein w gesprochen. Das w gibt es nur bei Eigennamen.
    Das Zusatzschild mit der deutschen Schreibweise dürfte erst nach der Wende auf Veranlassung von Nachkommen der Vertriebenen angebracht worden sein.
    Die früheren deutschstämmigen Dorfbewohner hatten sich schon so weit "magyarisiert", dass sie den Ortsnamen und auch teilweise ihren Familiennamen angepasst hatten. Auch die Vornamen waren meist schon ungarisch. Das sehen wir später an den Namen der Kriegsopfer.


    Die deutschen Spuren und der ungarische Ortsname mobilisierten meinen Forscherdrang.


    Máriahalom (damals hieß der Ort noch Kirva) erscheint erstmals 1255 als Kloster der Klarissen in Dokumenten.
    Nach der Vertreibung der Türken - die das Dorf zerstört hatten - aus Ungarn, am Ende des 17. Jhd. wurde Kirva wieder Eigentum der Klarissen.
    Durch den Erlass von Kaiser Joseph II vom 12. Jänner 1782 verschwanden auch die Klarissen aus Kirva und ihr Eigentum ging an den Religionsfond über. Darauf kamen die ersten neuen Bewohner des Landgutes aus den Nachbarorten wie z.B. Csolnok, Zsámbék und Perbál.
    Wegen des Mangels an Arbeitskräften in den dünn besiedelten Gebieten Ungarns warb Kaiser Joseph II. im Jahr 1782 im süddeutschen Bereich mit 10 Jahren Steuerbefreiung, Häusern und Vieh für neue Siedler. Den Wortlaut des k.k. Patentes findet Ihr im Spoiler.



    Die ersten Siedler kamen 1785/86 aus den ehemaligen Herrschaftsgebieten Hohenzollern-Hechingen und -Sigmaringen, z.B. Steinhilben (Heinzelmann), Trochtelfingen (Tittmann, Schmidt, Hauber), Hörschwag (Pfeiffer, Feigl, Schaffer), Stetten unter Holstein (Locher), Gammertingen (Teigler) und Umgebung. Aber auch Familien aus Neuhof bei Fulda (Mähr und Henning (später Hönig)), Ortsteil Giesel (Eberhard) und Mellrichstadt (Steinmüller) tauchen in den Kirchenbüchern von Kirva auf.
    Mit Ulmer Schachteln (oder waren es Kelheimer?) traten sie die nicht ungefährliche Fahrt auf der Donau an. Im ungarischen Almásfüzitő betraten sie wieder festen Boden.
    Ende des Sommers 1787 standen 50 Häuser in Kirva, bewohnt von Bauern und Handwerkern – etwa 300 Personen. Die Dorfbewohner bauten Kohl, Hanf, Weizen, Roggen, Mais und Kartoffeln an und brachten auch den Weinbau in die Gegend. Davon zeugt das ehemalige Presshaus von Paul Locher.



    Es hat gerade ein neues Dach mit Gauben bekommen.


    Ein paar Meter weiter steht ein weiteres Presshaus.



    Die barocke römisch-katholische Kirche am höchsten Punkt der Hauptstraße, die Johannes dem Evangelisten gewidmet ist, wurde zwischen 1820 und 1822 erbaut.



    Hinter den Bäumen am Straßenrand verstecken sich die Häuser.



    Frisch renoviert mit jungem Bäumchen davor oder mit abblätternder Farbe.



    Die Form ist die gleiche. Zur Straße hin die gute Stube und zum Garten hin die Kammer, dazwischen die Küche.
    Davor zieht sich die schmale überdachte Veranda über die ganze Hauslänge. Zum Garten hin wurde meist noch ein kleiner Stall angehängt. Das ist der typische Baustil eines Kleinbauern in Ungarn.
    Selten sieht man aber eine Jesusstatue in Lebensgröße wie hier, gegenüber der Kirche.



    Vor der Kirche steht ein Kreuz.



    Die Inschrift verrät den Stifter und das Jahr der Aufstellung.



    Die ältesten Einrichtungen der Kirche sind der Hauptaltar und die Kanzel, die beide um 1770 gebaut wurden und von der alten Kapelle kamen.



    Der Hauptaltar der Kirche des Apostel Johannes.



    Leider war mir der Zugang zur Kirche durch Glastüren versperrt.
    Es war nicht einfach, trotzdem brauchbare Bilder zu machen.
    An einer Seite entdeckte ich eine Gedenktafel dessen Bild ich mit einien Tricks lesbar machen konnte.



    Der vollständige Text lautet:
    "Unsere Kirche ist im Jahre 1824 eingeweiht worden.
    Ihr Titel: Sankt Johann Apostel
    Unsere Gemeinde wurde von schwäbischen
    Aussiedlern aus WÜRTTEMBERG im Jahre 1785
    gegründet; Ortsname bis 1936: KIRVA, dann
    auf Empfehlung von Pfarrer
    ISTVÁN KLIMA - MÁRIAHALOM,"


    In dem kleinen Vorraum der Kirche ist auf einer Seite eine Marienkapelle.



    Die Orgel wurde 1883 von Sándor Országh, einem berühmten Orgelbaumeister aus Pécs (Fünfkirchen), gebaut. Davon konnte ich kein Bild machen.


    Die Cholera-Epidemie von 1831 verlief glimpflich (siehe Bild 3).
    Im Jahre 1866 forderte eine weitere Cholera-Epidemie 72 Opfer im Dorf.
    Trotz Zuzug aus benachbarten Dörfern blieb die absolute Mehrheit der Einwohner (95%) deutschsprachig, aber etwa ein Viertel sprachen auch Ungarisch.


    Im Ersten Weltkrieg wurden von den etwa 700 Einwohnern von Kirva 52 junge Männer eingezogen.
    Genau die Hälfte davon kam nicht zurück! Die Namen stehen auf dem Denkmal des 1. Weltkrieges.




    Im August 1919 plünderten rumänische Truppen die Siedlung. Pferde, Wein, Heu und Getreide wurden mitgenommen.


    Am 30. Juni 1936 wurde auf Vorschlag des Ortspfarrers Kirva in Máriahalom (wörtlich übersetzt Marienhügel) umbenannt.


    Die Opfer des Zweiten Weltkrieges lese ich an einem weiteren Denkmal.



    Man unterscheidet zwischen zivilen Opfern und gefallenen Soldaten.



    Der Krieg war schlimmm, aber was danach kam war noch viel schlimmer!


    Bei einer Volkszählung 1941 bekannten sich von den 860 Einwohnern noch 95% zu ihrer deutschen Herkunft.


    Am 2. April 1946 wurden 640 Menschen vertrieben, 3/4 der Bevölkerung.


    1949 zählte man unter den 591 Einwohnern noch Einen der sich auf seine deutsche Herkunft berief.



    Am Ende des Zweiten Weltkrieges, während der Belagerung Budapests vom 25. Dezember 1944 bis zum 23. März 1945, verlief hier in der Nähe die Front. (Siehe "Denkmal bei Mány")
    Das dürfte der Grund für einige Obelisken mit kyrillischen Schriftzeichen hinter diesem Kreuz sein.



    Leider konnte ich dazu keine Informationen finden.


    Wie am Ortseingang, bei der Kapelle, so steht auch am Ortsausgang ein Wegkreuz.



    Leider ist die Inschrift nicht mehr klar erkennbar.


    Etwa hundert Meter weiter fand ich ein Marterl zum Heiligen Christophorus.



    Ein Zettelchen verrät mir, dass das Bild von Béla Blinczinger aus dem Nachbarort Epöl am 29. Juli 2012 gemalt wurde.



    Auf dem Weg auf den Friedhofshügel bekam ich Einblick in die Kleintierhaltung von Máriahalom.



    Nicht besonders artgerecht, meine ich. Hoffentlich dürfen die auch mal raus auf die Wiese.


    Auf dem alten Friedhof findet man noch viele Grabsteine mit deutschen Namen.



    Die meisten sind nicht mehr zu entziffern. Einige sind gut erhalten.



    Manche wurden wieder lesbar gemacht.



    Manchmal erzählt der Grabstein auch eine Geschichte.



    Gelobt sei Jesus Christus
    Hier ruht in Jesu Rahmen
    mit ihrem Kinde beisam(m)en
    Theresia Blitzner
    geb. Hauber
    gestorben den 24. März 1943
    in ihrem 22-ten Lebensjahre
    tief beweint von ihrem in Rußland
    gefangen geglaubten vielgeliebten
    Ehegatten, Kind, Eltern,
    Geschwistern, Schwiegereltern
    und Schwager.


    Auf dem Sockel darunter steht ein kleines Gedicht:



    Ach! Fern von uns mein teurer Vater im Feindeslande,
    erfasste mein liebes Mütterlein des Tode(s) kalte Hände.
    Ihr war nicht gegön(n)t zu seh'n, zu grissen ihn Vaterlande,
    Teures Mutterherz! Du schiedest schnell im tiefsten Schmerz
    lässt Du verweist (verwaist) dein Töchterlein stehn.
    Nur ein Trost bleibt meinem Herz:
    Es gibt im Namen Jesu ein Wiedersehen!
    Ruhe sanft in Frieden!


    Auch das Leben eines Pfarres ist endlich!



    Auch neuere Grabsteine mit Namen deutschen Ursprungs fand ich auf dem Friedhof.



    Im Grab der Brüder Wagenhoffer liegt auch ein unbekannter Kamerad, alle starben den "Heldentod".


    Wie mag es die Hinterbliebenen betroffen haben, nach dem WK II nicht nur ihre Heimat, ihr Hab und Gut, ihr Vieh, ihre Äcker, und auch ihre Verstorbenen zurücklassen zu müssen! Über viele Jahre hinweg war ihnen der Zugang zu ihrer alten Heimat und den Gräbern versperrt. Langsam werden die Gräber vergessen und es wächst Gras darüber.


    Leider lernt aber die Menschheit nicht dazu!




    Nachdenkliche Grüße von waldi aus Ungarn :174:

    Und immer neugierig bleiben!

  • Waldi, das ist wieder einmal ein Beitrag ,den man langsam lesen muss und der sehr zum Nachdenken anregt.
    Ja, es ist die Geschichte eines Dorfes- von Dir recherchiert und lebendig und anschaulich erzählt.


    Von Hoffnungen , Wünschen , dem Fleiß der Menschen, die den Versprechungen von Kaiser Joseph II. gefolgt sind.
    Es wäre alles so gut gewesen .... hübsche Häuschen, Auskommen durch die eigenen Hände, funktionierende Dorfgemeinschaft...gemeinsam erlebte und ertragene unglückliche Ereignisse...


    und dann das Jahr 1946.


    Dabei ist das Schicksal von Kirva nur eines von vielen.
    Vertreibung , Flucht...
    warum????
    Es könnte einem grauen....

    Leider lernt aber die Menschheit nicht dazu!


    Danke, waldi, für diesen eindrucksvollen Beitrag!


    Weiß man, wo die Menschen, die 1946 vertrieben wuden, sich hauptsächlich niedergelassen haben?


    Liebe Grüße,
    Elke


  • Vertreibung , Flucht...
    warum????

    Weil die Siegermächte im Potsdamer Akommen die "ordnungsgemäße Umsiedlung verbliebener deutscher Bevölkerungsteile aus Polen bzw. den polnisch verwalteten Gebieten Deutschlands (Schlesien, Hinterpommern und Ostpreußen), der Tschechoslowakei und Ungarn" beschlossen haben.

    Weiß man, wo die Menschen, die 1946 vertrieben wuden, sich hauptsächlich niedergelassen haben?

    Am 2. April 1946 mussten die Kirvaer ihren Heimatort verlassen und sie wurden zum Bahnhof Piliscsaba transportiert. Der Sammeltransport brachte sie ins Schloss Kislau, das in der Nazi-Zeit als KZ diente.


    Von dort wurden die 640 Vertriebenen auf 18 umliegende Gemeinden verteilt, wo sie auch nicht mit offenen Armen empfangen wurden.
    Dies hörte ich bestätigend von meiner Großmutter, bei der auch Sudetendeutsche, oder wie meine Großmutter sagte: "Kartoffelkäfer", zwangseinquartiert wurden.



    Liebe Grüße von waldi aus Ungarn :174:

    Und immer neugierig bleiben!

    Einmal editiert, zuletzt von waldi ()

  • Waldi, danke für den interessanten und ausführlichen Bericht.

    LG Josef

  • Hallo Waldi,

    ich bin sehr berührt von Deiner Zusammenfassung und Deiner Recherche und bin sehr froh, dass ich diese Seite entdeckt habe. Zeigt sie doch in vielen Bildern die große Gläubigkeit der Menschen dort, die auch meine Oma hatte. Mein Vater ist in Kirva geboren und aus Mariahalom vertrieben worden. Mein Vater und seine Familie gehörten zu den 640 Menschen. Ein anderer Teil der Familie durfte bleiben. Für meine und viele andere Familien wurde in Ubstadt eine Siedlung errichtet. Andere kamen nach Oberöwisheim. Ich war noch nie in Ungarn, aber ich werde Mariahalom eines Tages besuchen.

    Vielen Dank für Deine bewegenden Informationen!

    Liebe Grüße

    Ilona

  • Hallo Ilona,


    erst mal herzlich willkommmen in unserem Forum! :welcome1:

    Es freut mich persönlich riesig von Dir zu lesen!

    Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass ich jemanden mit Bezug zu diesem kleinen Ort treffe.

    Schade, dass Du noch nicht in Máriahalom warst. Waren denn andere Familienmitglieder nach der Vertreibung noch mal da? Das nehme ich an wenn ein Teil der Familie sich "magyarisierte" und bleiben durfte.

    Es ist nur ein kleiner Ort, weit weg von größeren Siedlungen. Aber es dürfte gerade deshalb ein großer Zusammenhalt im Dorf sein. Es wirkt sehr gepflegt - besonders die Kirche. Ich habe mich nicht getraut jemanden anzusprechen, aber es gibt sicher noch Leute die mich verstanden hätten. Besonders der Friedhof war für mich sehr interessant.

    Nimm Dir mal die Zeit diesen Ort zu besuchen. Du hast ja vielleicht noch verwandtschaftliche Beziehungen und kannst dort für ein paar Tage unterkommen. Hotel oder Pension habe ich dort nicht gesehen.


    Ich kam nach Máriahalom weil meine Schwägerin in dem (auch so kleinen) Ort Úny in der Nähe wohnt.


    Ich würde mich über einen Bericht von Dir über einen Besuch in Kirva-Máriahalom freuen!


    Übrigens: Spricht man Deinen Namen in der deutschen Form Ilooona oder in der ungarischen Illona aus?

    (im Ungarischen spricht man den doppelten Buchstaben auch doppelt - also gedehnt - aus)


    Liebe Grüße von waldi :174:

    Und immer neugierig bleiben!

  • Liebe Ilona,


    danke, dass du diesen wunderbaren Bericht von Waldi wieder hervorgeholt hast. Ich bin hier erst später eingestiegen und es ist unmöglich, alle zurückliegenden Berichte, von denen es so viele interessante gibt, zu lesen. Ich habe dein Posting zum Anlass genommen und den Bericht von Waldi gelesen, von dem man viel lernen kann und auch nachdenklich wird.


    LG


    Johannes

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