In Beitrag 216 im Thema "Brücken der Welt" hatte ich letzten Sommer eine Pontonbrücke über die Theiss bei Tiszadob vorgestellt.
Wie kam ich nach Tiszadob?
Weil ich mich mit dem Leben und Wirken der österreichischen Kaiserin und Königin von Ungarn beschäftige, interessierte mich
das Andrássy-Schloss in
Tiszadob
ganz besonders.
Warum? Was hat
dieses Schloss mit der Kaiserin Elisabeth von Österreich zu tun?
Diese Frage wird im Spoiler beantwortet.
Kaiserin Elisabeth und Gyula Andrássy
Der Erbauer dieses Schlosses war Gyula Andrássy.
Er soll das Schloss für seine große unerfüllte Liebe, Königin Elisabeth gebaut haben.
Wer war dieser Gyula
Andrássy?
Gyula Andrássy wurde am 03. März 1823 in Kassa in Oberungarn, dem heute slowakischen Košice, geboren.
Andrássy entstammte einer alten ungarischen Magnatenfamilie.
Nach vollendetem Universitätsstudium und nach Reisen ins Ausland wurde er in den Pressburger Reichstag von 1847-1848 gewählt und vom neuen ungarischen Ministerium zum Obergespan des Komitats Zemplén gewählt.
Als leidenschaftlicher Nationalist nahm er 1848 aktiv an der ungarischen Rebellion gegen die Habsburger unter Führung von Lajos Kossuth teil.
Andrássy war Anführer des Zempléner Landsturms im Kampf gegen die kaiserlichen Truppen bei Schwechat sowie ungarischer Gesandter in Istanbul.
Nach Niederschlagung der ungarischen Revolution wurde er1850 zum Tode durch den Strang verurteilt.
Er flüchtete nach Paris, wo er die Comtesse Katharina Kendeffy heiratete, und zog später weiter nach London.
Weil sich seine Mutter für ihn einsetzte durfte er 1860 wieder nach Ungarn zurückkehren.
Während seiner Zeit im Exil veränderte sich Andrássys Einstellung zur ungarischen Frage:
Angesichts des Panslawismus zweifelte er zunehmend an der Überlebensfähigkeit eines eigenständigen Ungarns und setzte sich für den Verbleib in der österreichisch-ungarischen Monarchie ein, allerdings mit erweiterten Rechten für den ungarischen Reichsteil.
1861 wurde Andrássy Abgeordneter im ungarischen Reichstag, wo er zusammen mit Ferenc Deák zum Meinungsführer für den Verbleib im Habsburgerreich wurde.
Die Wege Andrássys und der Kaiserin Elisabeth kreuzten sich das erste Mal im Januar 1866, als eine ungarische Delegation in Wien weilte um der Kaiserin die verspäteten Geburtstagsglückwünsche zu überbringen und "Ihre Majestät" nach Ungarn einzuladen.
Damals war die Kaiserin 28 Jahre alt und Andrássy 42. Es entstand eine lebenslängliche Freundschaft zwischen den beiden.
Oft hat man versucht eine Liebschaft nachzuweisen, was aber nie gelang.
Zusammen mit Ferenc Deák, dem "Weisen des Vaterlandes", und der tatkräftigen Unterstützung von Kaiserin Elisabeth von Österreich, erreichte Andrássy den österreichisch-ungarischen Ausgleich.
Am 17. Februar 1867 wurde Andrássy zum ungarischen Ministerpräsidenten gewählt.
Am 8. Juni 1867 krönte er Kaiser Franz Joseph zum König von Ungarn.
In der gleichen Zeremonie krönte er auch Kaiserin Elisabeth zur ungarischen Königin.
Am 14. November 1871 wurde er zum Außenminister der k.u.k.-Monarchie ernannt.
Diese Aufgabe erledigte er mit großem Erfolg bis zu seinem Rücktritt am 8. Oktober 1879.
Von 1880 bis 1885 ließ Andrássy in der kleinen Gemeinde Tiszadob ein Schloss errichten.
Es hat 365 Fenster, 52 Zimmer, 12 Türme und vier Eingänge.
Die Zahlen erinnern an die Tage im Jahr, die Wochen, die Monate und die Jahreszeiten.
Es wird behauptet, das er dieses Schloss für seine große unerfüllte Liebe, seine Erzsébet kiralyné bauen ließ.
Leider konnte er das Schloss nicht mehr lange bewohnen, denn er starb am 18. Februar 1890.
Gyula Andrássy, gemalt von Gyula Benczúr
Bei meinem Aufenthalt im April 2008 in Ungarn beschloss ich, mir dieses Schloss einmal aus der Nähe zu betrachten.
Tiszadob ist eine Großgemeinde mit etwa 3200 Einwohnern. Abseits jeder Hauptstraße und Touristenroute liegt der kleine Ort etwa 15 km westlich von Tiszavasvári am Ufer der Theiss, im Nordosten Ungarns.
Mit Mühe fand ich den Weg zum Andrássy-kastely, der in einer Sackgasse endete.
Ein großes Eisentor versperrte mir die Weiterfahrt. Als ich das Auto abgestellt hatte winkte uns ein Mann der vor dem Tor auf einer Bank saß und bot uns einen Parkplatz (von dreien) auf dem Gelände des Schlosses an, den wir gerne annahmen.
Am Torpfosten hing eines dieser typischen ovalen Schilder, die auf ein Amt oder, wie in diesem Fall, auf eine Schule, hinweisen.
Der Pförtner kassierte einen Eintritt (oder war es die Parkgebühr?) in Höhe von 400 HUF (etwa 1,30€).
Kein Hinweis auf ein Schloss war bisher zu sehen oder zu lesen.
Nur ein verwittertes Schild mit dem Hinweis, dass OBI hier eine Aktion für den Erhalt der Fischotter unterstützt hat.
Auf dem Weg, den uns der Pförtner wies, kamen wir an einem leergeräumten und verlassenen Häuschen (etwas kleiner als mein Gäste-WC) mit der Aufschrift "Information" vorbei.
Dann endlich der erste Blick auf das Schloss!
Die unpassenden Strassenlampen hätte ich gern gleich entfernt!
Es erinnert mich im Stil an die Schlösser unseres bayrischen Märchenkönigs Ludwig II., eines Vetters der Kaiserin Elisabeth.
Ein Betreten des Gebäudes war nicht möglich.
Im Schloss befand sich eine Gaststätte die aber erst ab 17 Uhr geöffnet hat.
Ein Hotel mit Konferenzräumen, wie es im Internet angedeutet war, suchten wir vergebens.
So mussten wir uns mit einem Rundgang um das Schloss begnügen.
Im Garten fanden wir einen etwas vernachlässigten Irrgarten.
Die Wirtschaftsgebäude auf dem Schlossgelände erschienen genutzt und auch eine Pferdekoppel mit Stall konnten wir entdecken.
Ansonsten erschien uns alles so tot wie dieser abgestorbene Baum im Schlossgarten.
Ich fand es damals nicht in Ordnung, dass man das Erbe eines so bedeutenden Mannes wie Graf Andrássy so schlecht behandelt.
Ohne die Dolmetschertätigkeit meiner Gattin wäre ich wahrscheinlich gar nicht erst auf das Gelände gekommen.
Nach Aussage des Pförtners war das Schloss an eine Privatfirma verkauft worden, was ich auch nicht verstehen konnte.
Nachdem ich mit meinem Handy ein paar Fotos gemacht hatte traten wir frustriert die Heimfahrt an.
Letzten Sommer nahm ich einen zweiten Anlauf und wurde belohnt.
Doch davor etwas zur Geschichte des Schlosses.
Die findet Ihr im Spoiler.
Die Geschichte des Andrássy-Schlosses
In Tiszadob tauchten die Andrássys 1741 als Grundbesitzer auf. Ihre Güter erlangten sie durch vorteilhafte Heiratspolitik.
Der erste Andrássy in Tiszadob war Baron (später Graf) Károly Andrássy.
Einer seiner Nachkommen, Graf Gyula Andrássy ließ das Schloss zwischen 1880 und 1885 erbauen.
Der Plan stammt von Arthur Meinig, der vom Grafen dazu inspiriert wurde, die edelsten architektonischen Elemente der ungarischen historischen Romantik zu kombinieren, wobei er sich in erster Linie auf den Stil des Vajdahunyad-Schlosses in Hunedoara stützte.
Im Schloss von Tiszadob wollte der Bauherr die echte nationale Romantik zeigen.
Die Wiege der Andrássys ist in Sienbürgen zu suchen.
Deshalb ist es nicht verwunderlich dass außer den Gebäudeteilen die an die Burg von Vajdahunyad erinnern, noch weitere Elemente siebenbürgischer Burgen zu erkennen sind.
Kenner sehen Ähnlichkeiten zum Katharinentor in Brasov, zum Kemény-Schloss von Marosvécs und zur Törzburg in Bran, der „Draculaburg“.
Archivaufnahmen belegen, dass das Innere des gesamten Schlosses mit reichen Kunstwerken versehen war.
Der Räume waren mit Wandbehängen, Gobelins, Waffen, ganzen Rüstungen, Renaissance-Möbeln, Tischen, Stühlen und Schränken gefüllt.
Davon blieb leider praktisch nichts erhalten.
Nach dem Ersten Weltkrieg 1918 verwüstete das befreite Volk den Palast mit seinem großartigen Reichtum.
Bewaffnete Revolutionäre durchbrachen das Schlosstor und plünderten das Schloss.
Mit etwa einem Dutzend LKWs wurde abtransportiert was nicht niet- und nagelfest war.
Was nicht transportiert werden konnte wurde zerstört. Die Fenster wurden zerschossen.
Venezianische Spiegel, Kronleuchter, Skulpturen und Keramiken wurden zertrümmert, teure Gemälde und Bücher zerstört oder gestohlen.
Der Graf, so heißt es, sei nie wieder in die Burg von Tiszadob gekommen.
1945 endete die Geschichte der Andrássys in Tiszadob.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in der Burg ein rumänisches Lazarett eingerichtet.
Die rumänischen Soldaten, die hier gestorben sind, ruhen immer noch im Park.
Das Schloss kam in Staatsbesitz.
1948 wohnten hier 300 österreichische Kinder, und ein Jahr spüter kamen Kinder griechischer Flüchtlinge.
Von 1950 bis vor kurzem war das Schloss ein Kinderheim.
2007 bezog das Kinderheim einen moderneren Gebäudekomplex innerhalb des Ortes.
2012 begann man mit EU-Hilfe mit der Restaurierung des Schlosses und seiner Umgebung.
Nach einer vollständigen Renovierung die etwa 7 Mio. Euro kostete ist das im Dezember 2015 eröffnete Herrenhaus im romantischen Stil, dem alten Baumpark und dem Heckenlabyrinth zu einer der Hauptattraktionen der Region geworden.
Schauen wir es uns an.
Zu meiner Freude waren die hässlichen Straßenlampen verschwunden!
Das Gebäude weist eine Besonderheit auf.
Es gibt 4 Eingänge nach den 4 Jahreszeiten, 12 Türme nach den 12 Monaten, 52 Zimmer nach den 52 Wochen und 365 Fenster nach den 365 Tagen.
Am Terrassengeländer über dem Wintergarten sehen wir das Andrássy-Wappen und das der Zichys.
Eleonora Zichy war die Frau von Tivadar Andrássy.
Am Hauptzugang hängt diese Tafel.
Schauen wir uns das Innenleben an.
Im Haupteingang des Schlosses führt eine Steintreppe zum Hochparterre.
In den bunten Glasfenstern im Bogen des Zugangs prangt das kleine Wappen der Andrássys.
Das Mosaik des Löwen im Boden des Treppenturmes steht für Kraft und Stärke.
Vom Hochparterre führt eine offene Treppe aus Eichenholz nach oben.
Der Blick von oben.
In der Bildmitte sieht man den Löwen (auf dem Kopf stehend).
Das große Wappen der Andrássys ist in den Fenstern des Treppenturms zu sehen.
Das mittlere Wappen darunter bleibt mir ein Rätsel.
Links, die mit einem Säbel bewaffnete Schönheit ist auf dem Wappen der Szapárys zu sehen, Etelka, Frau von Károly Andrássy.
Rechts, der Hirsch auf dem halben Rad gehört zu den Pálffys, Gabriella, Frau von Manó Andrássy.
In einem weiteren Fenster kann ich wieder das mittlere Wappen nicht zuordnen.
Links, der Sternenstreifen zwischen den Mondsicheln ist das Wappen der Wenckheims, Leontina, Frau von Aladár Andrássy.
Rechts, der Bogenschütze ist das Wappen der Kendeffys, Katinka, Frau von Gyula Andrássy.
Vom Treppenturm im Hochparterre betreten wir den großen Saal mit gefächertem Tonnengewölbe, den Ritter- oder Ballsaal.
Darin befindet sich heute der Empfang mit der Kasse.
Sonst ist der Raum leer und langweilig weiß getüncht.
Deshalb verzichtete ich aufs Fotografieren.
Nur der Kamin war für mich interessant.
Das Motto der Andrássys "Fidelitate et Fortitudine" ( Treue und Standhaftigkeit) im Kaminsims.
Darüber sehen wir das (kleine) Wappenrelief der Andrássys.
Ein Foto des Erbauers Graf Gyula Andrássy von Csík-Szent-Király und Kraszna-Horka, der Ältere.
.
Die renovierten Zimmer hat man mit einigen antiken Möbeln und Einrichtungsgegenständen ausgestattet,
die aber mit der Originalmöblierung wenig gemeinsam haben.
Das Arbeitszimmer von Gyula Andrássy.
Der große Salon.
Die Stuckdecke im großen Salon.
Der Musiksaal mit einem alten Wiener Flügel.
In der Bildmitte sieht man den Durchgang zur Bibliothek.
Im Eckturm war früher die Bibliothek die jetzt sehr leer wirkt.
Vom Musiksalon führt eine zweiflügelige Tür in das dunkle Esszimmer, das sogenannte "schwarze Esszimmer".
Das Tapetenmuster auf den beiden gegenüberliegenden Wandflächen wurde von Restauratoren unter der Holzvertäfelung gefunden.
Die Oberfläche mit Greifvogelmotiven wurde von Hand bemalt.
An das schwarze Esszimmer schließt der "große Speisesaal" an, der aus zwei Räumen besteht, die durch eine bogenförmige Öffnung verbunden sind.
Der von József Rippl-Rónai entworfene Jugendstil-Wintergarten verfügt über ein 4 m breites, 2,9 m hohes Rosengarten-Glasfenster von Miksa Róth, von dem nur noch ein kleiner Teil original erhalten ist.
Ein Teil des Fensters wurde Opfer eines verirrten Fußballs während der Kinderheim-Ära.
Durch ein einzigartiges 4 x 3 Meter großes Oberlicht aus Bleiglas wird der Wintergarten erhellt.
Dieser Anbau wurde erst von Gyula Andrássys Sohn in Auftrag gegeben.
An der Wand hängt wieder mal ein Wappen.
Im ersten Stock befinden sich heute Ausstellungsräume.
Von den Nordostfenstern aus hat man einen herrlichen Blick auf den jetzt wieder ansehnlichen Irrgarten.
Die Eiben die ich 2008 noch fotografierte fielen der besseren Aussicht zum Opfer.
Trotzdem stieg ich noch mal die Treppen hoch um den Irrgarten von möglichst weit oben zu knipsen.
In diesem Irrgarten steht die Skulptur "Lányszöktetés" (Mädchenentführung) von János Fadrusz.
Der Garten des Schlosses war ein englischer und französischer Park, der mit künstlerischer Sorgfalt angelegt und gepflegt wurde und für seine wunderschönen Rosenlauben bekannt war, deren Blüten auch Königin Elisabeth begeistert hätten.
Der Park des Schlosses wird im Norden von einem 500 Hektar großen Bereich uralter Bäume begrenzt.
Im Park stehen große weiße Zelte.
Das Schloss und seine Umgebung wird offenbar gerne als Hochzeitslocation genutzt.
Man wirbt mit der
"Traumhochzeit in einer Adelsresidenz".
Man kann Teile des Schlosses und seines Gartens für Feiern mieten.
Man braucht halt nur das nötige Kleingeld!
Ich brauche jedenfalls bei meinem nächsten Besuch im Andrássy-Schloss von Tiszadob keinen Eintritt mehr bezahlen
weil Personen unter 6 und mindestens 70 Jahren freien Zutritt haben!
Liebe Grüße von waldi