Mit der "Juno" von Göteborg nach Stockholm

  • Gleich denk man, jetzt rumst es. Aber im letzten Moment ruckt das Schiff scharf nach rechts, bekommt dabei ordentlich Schlagseite, und mir fällt ein, ich hab mein Bullauge offen. So viel über der Wasserlinie liegt meine Kabine nicht, und ich könnte jetzt nasse Sachen haben. Hab ich aber nicht.




  • Nächste Attraktion, an der Forsvik-Schleuse. Jedes Kanalschiff, und damit auch wir, bekommt ein Ständchen von einer christlichen Gruppe. Die Sänger/innen werden mit einem Präsentkorb aus der Schiffsküche belohnt, die Crew bekommt einen Blumenstrauss.




  • Wir kommen an den Vättern, nach dem Vänern der zweitgrößte schwedische See. Dort liegt die Festung Karlsborg, und wir dürfen von Bord.



  • Das ursprüngliche Konzept der im 19. Jahrhundert gebauten Festung sah vor, dort in einem Kriegsfall die gesamte schwedische Elite, samt Hilfspersonal, und Reichsschatz sicher unterzubringen. Denn die Erfahrung mit den Kriegen gegen Russland hatte gezeigt, dass die Ostseeküste verwundbar war - so hatten russische Truppen im 18. Jahrhundert unter anderem Umeå und Norrtälje zerstört. Das galt umso mehr, als dass seit 1809, nach dem gemeinsam mit Napoleon verlorenen Krieg gegen Russland Finnland bis hin zu den Åland-Inseln unter russische Kontrolle kam. Allerdings war schon während der 90jährigen Bauzeit (1819-1909) klar geworden, dass aufgrund der Weiterentwicklung der Artillerie die Festung militärisch nicht zu verteidigen gewesen wäre. So blieb sie eine heute noch im Betrieb befindliche Kaserne - weshalb in Teilen der Anlage Photographierverbot (wegen der Bilderverbreitung im Internet) herrscht, ausserdem waren im - inzwischen geschlossenen - Krankenhaus lange Zeit die meisten Kinder der Region zur Welt gekommen.

    Inzwischen ist die Anlage natürlich eine Touristenattraktion, und wir werden von einer deutschsprachigen Führerin begleitet.

    Vor 10 Jahren war ich schon mal da, allein, und da hab ich mich einen halben Tag im Museum aufhalten können - das Photographierverbot gab es damals noch nicht.




  • In weiten Teilen gleicht die Festung einer Kleinstadt mit großzügigem Park, wenn da nicht die Autos mit den Militärkennzeichen wären - bei einem früheren Besuch begegneten mir schon Soldaten mit voller Ausrüstung und im Laufschritt, und irgendwo krachte es auch mal. Andererseits gibt es Stellen im Wall um die Anlage, die man bequem übersteigen kann, sogar als relativ Unsportlicher wie ich - damals selbst getestet - aktuell wär es nicht sinnvoll, sich von der Truppe, äh Gruppe zu entfernen.




  • Die "Juno" hat uns wieder, wir mussten nicht über den Wall klettern, und bis wir in Motala am Ausgang des Vättern anlegen, haben wir auch unser Abendessen bekommen. Hier bleiben wir über Nacht, wobei die morgens um 5:00 zu Ende ist, zumindestens für die Besatzung (dh schon vorher, weil das Ablegen ja vorbereitet werden muss).




  • Hier haben wir bis morgen früh auch freien Ausgang und können eine Runde durch die Geburtsstadt der "Juno" drehen.



    Balzar von Platen, Erbauer bzw. Chefplaner des Kanals


  • Das Nachtleben von Motala ist überschaubar, so dass ich noch vor Nachtanbruch zu meiner Koje zurückkehre. Die Maschinen gegenüber meiner Kabine laufen auch, wenn das Schiff liegt, und ich stelle fest, dass man (zumindestens ich) besser schläft, wenn das Schiff dann auch fährt.



    Das Stammhaus der Kanalgesellschaft.


  • Die Schleuse von Borenshult hab ich verschlafen. Dabei wurde dort in dem Buch des Autorenpaars Sjöwall/Wahlöö die "Tote im Götakanal" gefunden, in meinem ersten Schwedenkrimi, und seither weiss ich, dass es diesen Kanal und die Kanaltouren gibt. Das war in den frühen 70ern. Kommentar von Gästebetreuerin Caroline: "Das war auf unserem Schwesterschiff 'Diana', bei uns passiert sowas nicht".

    Was mich natürlich ungeheuer beruhigt.


    Hinten rechts liegt meine Kabine.



  • Es gibt noch einen Grund, warum so ein Mord auf einem Schiff wie dem unseren (das Opfer im Buch, deren schwedischer Titel "Roseanna" lautet, war einzeln reisende Kanalschiffspassagierin) nicht passieren kann. Ohne zuviel zu verraten, spielt eine wesentliche Rolle, dass damals vereinzelt stundenweise Deckstouristen mitgenommen wurden. Die hatten dann keine Kabine und folglich auch keine Kabinenregistrierung. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Single-Tourist (ich bin auf unserer Tour der einzige, alles andere sind Paare) zwei Tage vor dem Reiseende unbemerkt abhanden kommen könnte.


    Ein Veteranbootmuseum wär auch II mal einen Zwischenstop wert ...



    ... oder ein Besuch auf unserem Schwesterschiff "Diana".


    - PAUSE, bis später !

  • hallo Grizzly,


    vielen Dank für deinen Bericht über die Fahrt auf einem Kanal, von dem ich zwar schon gehört, den ich jedoch noch nie gesehen habe.


    Kannst du mir ein paar technische Dinge zum Schiff sagen? Augenscheinlich handelt es sich bei der Juno um einen ziemlich alten Kahn. Wieviele Passagiere faßt das Schiff? Wie alt ist das Boot überhaupt?


    grüsse


    jürgen

  • Das Schiff ist Baujahr 1874, ursprünglich ein Dampfer, später mit Dieselmotoren nachgerüstet, dh so ganz Greta-kompatibel ist er noch nicht. Natürlich nicht mit einem Kreuzfahrer-Monstrum zu vergleichen. Wir waren etwa 55 Passagiere, davon 2/3 deutschsprachig, ca. 4 schwedische und ein US-Paar. Ich, wie schon erwähnt, der einzige Single.

    Mehr zum Schiff findest Du hier:

    https://www.gotacanal.se/de/ka…2krQuJEAAYASAAEgKO2_D_BwE

  • Hallo Grizzly,


    vielen Dank fürs mitfahren über den Göte-Kanal, den ich nicht kannte, mit der denkmalgeschützten M/S Juno.

    Die wie gelesen habe, zu dem ältesten registrierten Schiff der Welt mit Übernachtungsmöglichkeiten gehört.


    Es war für mich virtuell eine herrliche Schiffahrt mit fazinierenden Fotos mit vielen Informativen dazu.


    Liebe Grüße

    Steffi

    “Die Gesundheit ist das Wichtigste in unserem Leben“

  • Hallo Grizzly,

    sind einmal von Linz bis Passau, das war schon recht interessant, aber mit so einem ehrwürdigen gut gepflegten Dampfer, das muss schon ganz was Besonderes sein.

    Danke für's mitdampfen lassen.

    LG

  • An der Donau entlang zu dampfen wär auch nicht schlecht. Wobei ich mit dem Göta-Kanal noch gar nicht fertig bin.


    14.7.19 (Fortsetzung)

    Wir dürfen wieder an Land, diesmal zur Klosterkirche Vreta und den Überresten des Klosters. Das war ein ehemaliges Nonnenkloster, das nach der von Gustav Vasa verfügten Reformation langsam ausstarb und zerfiel - ein Teil der Steine wurde auch zum Bau der Kirchen in Linköping und Söderköping verwendet. Die Klosterkirche wurde vor 100 Jahren renoviert und kann besichtigt werden, ebenso einige der Verwaltungsgebäude.





    Caroline hält ihre Schäfchen zusammen: Alle mal abzählen !

  • Alle Mann/Frau sind wieder an Bord. Wobei die meisten nicht für lang. Denn vor Berg reiht sich eine Schleuse nach der andern, getoppt von der Carl-Johans-Schleusentreppe, mit der knapp 19 Höhenmeter in sieben Schleusen hintereinander überwunden werden. Dann sind wir im Roxen.




  • Durch den nächsten See geht's wieder in den Kanal, nächster See, wieder Kanal ... dort wird eine Straßenbrücke gedreht, damit die Autos für uns Platz machen können.

    Irgendwann überqueren wir auf einer Trogbrücke die Straße, da war ich leider mit der Kamera zu langsam.




  • Zwischendrin gibt's Abendessen, der Nachtisch muss wie alles andere durch den Küchenaufzug mit der Hand hochgekurbelt werden.




    • Gäste Informationen
    Hallo,gefällt dir der Thread, willst du was dazu schreiben,
    dann melde dich bitte an.
    Hast du noch kein Benutzerkonto, dann bitte registriere dich, nach der Freischaltung kannst du
    das Forum uneingeschränkt nutzen.

    Dieses Thema enthält 0 weitere Beiträge, die nur für registrierte Benutzer sichtbar sind, bitte registrieren Sie sich oder melden Sie sich an um diese lesen zu können.

Wer war online

In den letzten 24 Stunden waren bereits 15 Mitglieder Online - Rekord: 19 Mitglieder ()