Cepic - Istriens verschwundener See

  • Dort wo sich heute in Istrien das Cepicko Polje befindet, war bis zum 11.12.1932, genau 13 Uhr ein See mit einer Gesamtfläche von 8,6 Quadratkilometern.



    Ein Adeliger namens Giuseppe Lazzarini aus Labin war es, der Benito Mussolini davon überzeugte, den See abzulassen um eine große neue landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen.



    Bekanntlich fiel Istrien nach dem Ersten Weltkrieg an Italien. Bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die vorhandenen Kohlezechen unter italienischer Führung enorm ausgebaut. Tausende Einwanderer vor allem aus dem armen Süden Italiens fanden in den Bergwerken und deren Zulieferbetrieben Arbeit. Auch der Ort Rasa wurde in zwei Jahren aus dem Boden gestampft. Der Duce besuchte den Ort und die Gegend am 7.8.1936.


    Der Kohlebergbau in Rasa auf Istrien


    Da bot es sich an, neue Felder zu erschließen. Bekanntlich sind die meisten Böden der Halbinsel Istrien überwiegend karg und wenig ertragreich.


    Nicht nur im Mirnatal und im Rasatal erschlossen die Italiener durch Trockenlegung hunderte Hektar neues Kulturland, sondern auch der See war ein Hindernis für eine große landwirtschaftliche Nutzfläche.


    400 Hektar neues Ackerland haben die Italiener...


    Zwei Jahre lang haben bis zu 260 Arbeiter einen 4550 Meter langen Tunnel gegraben um das Wasser in den Kanal von Plomin abfließen zu lassen. Zuvor hatte der See zwar viele Zuflüsse durch Bäche, aber keinen Abfluß zum Meer.


    Wie so etwas funtioniert? Ganz einfach. Dort wo am Rande des Sees das Wasser abfliessen sollte, hat man einen Damm gebaut und diesen gesprengt, als der Kanal fertig war. Nach 26 Minuten floß das erste Wasser aus dem Tunnel in die Adria. Nach etwa zwei Tagen wurde das abfliessende Wasser weniger. Insgesamt waren sage und schreibe schätzungsweise 16 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem See abgeflossen.



    Auf dem Bild sieht man gut, daß Schienen für eine Schmalspurbahn im Tunnel verlegt wurden. So konnte das aus dem Felsen gesprengte Gestein schnell und effektiv abtransportiert werden.


    Nachdem das Wasser weg war, ging die Arbeit erst los. Es mußten auf dem schlammigen Boden Entwässerungskanäle und Wirtschaftswege angelegt werden. Acht Monate nach dem Ablassen des Wassers konnten erstmals Fahrzeuge über den nun trockenen Seegrund fahren.



    Erst im Sommer 1934 konnte der erste Mais angebaut werden. Nun ergab sich jedoch ein neues Problem. Die Ebene war dem manchmal sehr heftigen Wind ausgesetzt. Um diesen zumindest etwas zu verringern, wurden lange Alleen mit Pappeln gepflanzt. Die Italiener hatten damit ja schon jahrhundertelange Erfahrung bei der Entwässerung und Urbarmachung der Poebene.


    Das Bild zeigt den Hauptentwässerungskanal zum Tunnel im September. Viel Wasser fließt anscheinend im Sommer nicht durch das neue Agrarland. Anhand der Dämme erkennt man jedoch, daß dies anscheinend nicht immer so ist.



    Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieben die Italiener und bauten verschiedene Feldfrüchte auf den insgesamt 860 Hektar Neuland an. Ferner wurde Viehzucht betrieben. Nach dem Krieg vertrieben Titos Kommunisten die Italiener.



    Nach der Unabhängigkeit Kroatiens wurde die Bio Adria d.o.o., ein Betrieb der Milch und Rindfleisch produziert, gegründet. Die 300 bis 400 Rinder dieses Betriebes benötigen eine Menge Futter. Dieses Unternehmen bewirtschaftet heute den Großteil der 860 Hektar. Teile des heute Cepicko Polje genannten Kulturlandes sind noch im Besitz von kleineren landwirtschaftlichen Betrieben.


    Hier sehen wir den Abflußkanal, wo auch heute noch alles Wasser, welches in das Cepicko Polje fließt durch den Tunnel ins Meer geleitet wird.




    andere Blickrichtung



    Theoretisch könnte man hier viereinhalb Kilometer durch den Tunnel gehen und käme dann etwas oberhalb des Kohlekraftwerks in Plomin Luka heraus. Der befestigte Weg durch den Tunnel ist dazu da, daß auch heute noch der Tunnel gesäubert werden kann. Immer wieder kommt es vor, daß beispielsweise entwurzelte Bäume oder Sträucher in den Tunnel geschwemmt werden und dort hängen bleiben. Dann muß irgendjemand rein und den Stau auflösen...



    In den Tunnel habe ich mich dann doch nicht hineingetraut. Oder sagen wir besser in Ermangelung einer guten Taschenlampe konnte ich nicht rein in den Tunnel.


    Auf jeden Fall kommt aus dem Tunnel ein kalter Luftzug. Das habe ich gespürt, weil ich eine Treppe ganz nach unten zum Eingang laufen konnte. Man muß zwar das Gestrüpp etwas zur Seite biegen, aber man kann bis runter zum Kanal steigen.



    Nicht weit entfernt vom Tunneleingang befindet sich dieses Haus wo ein Beauftragter von Hrvatske Vode wohnt und nach dem Rechten sieht.



    Dieses Wehr ist unmittelbar daneben



    Es ist kaum zu glauben, daß diese vielen Schotten gelegentlich geschlossen werden müssen um die Durchflußmenge durch den Tunnel zu regulieren. Ich nehme an, das Wassereinzugsgebiet ist ziemlich groß, so daß nicht nur das Wasser des im Frühjahr schmelzenden Schnees vom Ucka sondern auch bei ausgiebigen Regenfällen große Wassermengen durch das Polje fließen.



    Der von mir eingezeichnete diagonale weiße Strich zeigt den ungefähren Verlauf des Tunnels unter einem Felsenhügel. Oben ist das südwestliche Ende des Cepicko Polje, benannt nach der kleinen Ortschaft Cepic zu erkennen. Unter sieht man das Kraftwerk und den natürlichen Plominkanal.



    Ende von Teil 1 - Teil 2 des Berichts folgt im Anschluß.


    jürgen

  • Weiter geht es mit Teil 2:


    Nun schauen wir uns einmal die andere Seite des Tunnels an. Dieser Ausgang des Entwässerungskanals befindet sich vielleicht 400 Meter entfernt vom Kohlekraftwerk.



    Die Stelle ist auch wesentlich einfacher zu finden als der Tunneleingang. Wer hierher möchte, muß einfach vor dem Kraftwerk rechts abbiegen, die Straße ist für den allgemeinen Verkehr gesperrt, dann nach dem Überqueren der Brücke über den Kanal gleich rechts rein auf einen Feldweg und diesem bis zum Ende folgen. Dort am Ende befindet sich der gemauerte Tunnelausgang.



    Das Kreuz im Wappen war in der Zwischenkriegszeit Bestandteil der italienischen Nationalflagge. Dazu gehörte zwar auch die Königskrone, weil während der Mussolini-Diktatur Italien ja offiziell eine konstitutionelle Monarchie war. Diese Krone dürfte jedoch für einen Steinmetz zu schwierig darstellbar gewesen sein.



    Dazu ein lateinischer Spruch, der wörtlich lautet "wunderbar ist der Stein, [der] den Fluss [eig. das Fließende] gewonnen [hat]".








    Hier führt leider kein Pfad hinunter zum Kanal und Tunnelausgang.



    Schauen wir uns einmal etwas im Cepicko Polje selbst um. Am ehemaligen Ufer befand sich damals ein Kloster. Die Gebäude stehen auch heute noch. Allerdings leben hier keine Ordensbrüder mehr. Auch die waren genauso wie die italienisch sprechende Bevölkerung Titos Kommunisten im Weg wehalb sie vertrieben wurden. Heute wohnt eine Familie in den ehemaligen Klostergebäuden.



    der ehemalige Seegrund. Im Hintergrund sehen wir die Ausläufer des Ucka-Gebirges rund um den Sisol-Gipfel.



    Im südwestlichen Bereich des Cepicko Polje befinden sich die Wirtschaftsgebäude der Bio Adria d.o.o. die 161 Hektar bewirtschaftet. Dann gibt es noch einen größeren Betrieb mit 80 Hektar Nutzfläche. Alle anderen Parzellen gehören meines Wissens kleineren landwirtschaftlichen Betrieben.



    Hier erkennt man auch gut einen der Entwässerungsgräben, die mit einem Abstand von ein paar Hundert Metern zum Hauptentwässerungskanal in der ehemaligen Mitte des Sees führen.



    Die höchste Erhebung des Ucka ist der Vojak.



    Schnurgerade verläuft die Straße quer durch den ehemaligen Seegrund. Links von der Straße sieht man in der Ferne einen der neu gebauten Bauernhöfe.





    Etwa zwei Jahre nachdem der See abgelassen wurde, begannen die Italiener gleichartige landwirtschaftliche Betriebsgebäude zu bauen. In so einem Gebäude, die alle die selbe Bauart aufweisen, wohnten der Pächter und das Gesinde. In Ställen war das Vieh untergebracht, Kleinvieh wurde gehalten und es gab einen Gemüsegarten. Dazu kommen gemauerte Scheunen und Unterstellmöglichkeiten für Maschinen. Heute sind diese Gebäude ziemlich heruntergekommen. Trotzdem leben in manchen noch Menschen. Ich habe an den Fassaden Nummern erkennen können. Die höchste Ziffer war die 13. Ob insgesamt auch 13 solche Betriebe gebaut wurden, habe ich nicht nachgezählt.



    Für die damaligen Verhältnisse waren diese Betriebe sicherlich modern. Schließlich galt es, die Bergarbeiter satt zu bekommen. Die Kohle war deshalb wichtig für Italien, weil sonst nirgenwo im Land nennenswerte Kohlevorkommen abgebaut wurden. Kohle brauchte man nun mal für die Verhüttung von Stahl genauso wie für die Dampflokomotiven und nicht zuletzt für die Handels- und Kriegsmarine.







    Hier steht immerhin ein moderner Traktor. Ich habe nicht den Eindruck, daß Teile der Flächen brach liegen obwohl ich natürlich nicht alles gesehen habe.





    Von Cepic aus kann man auf einer Teerstraße hinüber nach Kozljak am Fuße der Berge fahren. Dann geht es etwas hinauf raus aus dem ehemaligen See. In der Bildmitte ist sehr schön eine der Pappelalleen zu sehen.



    Solche Tosbecken sollen das vom Hang hinabfliessende Wasser bremsen, so daß nicht das Erdreich weggeschwemmt wird. Dann geht es weiter in einem Kanal bis zum Hauptkanal.



    Wir fahren zum südwestlichen Ende des ehemaligen Sees, dort wo sich der Ablauftunnel befindet. Einige Betonbrücken verbinden auch heute noch die Wirtschaftswege.





    Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts hat Jugoslawien dann die Rasabahn gebaut. Sie verläuft etwas oberhalb des Ost- bzw. Südostufers des ehemaligen Sees bis zum heutigen Freihaften Trget-Brsica. Nach einem Erdrutsch vor etwa zehn Jahren wurde des Bahnbetrieb eingestellt.



    Im Hintergrund das ebene Cepicko Polje. Ursprünglich war der Seegrund sicherlich nicht eben. Nur dürften vermutlich im Laufe der Jahrtausende enorme Mengen an Sediment eingeschwemmt worden sein, so daß der Seegrund eben war. Inwieweit der getrocknete Boden und Schlamm sich gut oder weniger gut für die Landwirtschaft eignet, vermag ich nicht zu sagen.



    Hier mal ein Blick auf einen Teil des Cepicko Polje von oben. Auf der neu gewonnenen ebenen Fläche konnten natürlich die Parzellen ziemlich gleichmäßig und rechteckig eingeteilt werden.



    Beim Weiler Cepic befindet sich ein Übersichtsplan des Cepicko Polje.



    Erwähnen möchte ich noch, daß etwa 50 Jahre nach dem Verschwinden des Cepicsees ein neuer See in Istrien aufgestaut wurde. Es handelt sich um den Butoniga Jezero, der in den 80er Jahren entstand. Nach der Unabhängigkeit Kroatiens wurde ein Fernwasserleitungsnetz in Istrien installiert, weil dieser neue See als Trinkwasserreservoir dient. Die Ferienorte von Umag im Norden bis runter nach Medulin im Süden sind nun ans neue Wasserwerk, welches sich unterhalb der Staumauer befindet angeschlossen und können in Notzeiten vom dort gespeicherten Süßwasser profitieren. Dieser See wird genauso wie früher der Cepic-See von Bächen und der Schneeschmelze im Frühjahr gespeist. So ist ein See verschwunden und ein neuer See entstanden.


    jürgen

  • Vielen Dank Jürgen, für Deine Beschreibung des Projekts aus einem See fruchtbare Flächen zu erschaffen. Du hast Dir sehr viel Mühe gemacht um diesen “Landstrich mit Geschichte“ vorzustellen und verständlich zu machen. Für mich war es neu, zu erfahren dass es hier einmal einen See gab.


    Ich frage mich nur, haben die Bauern die sich dort angesiedelt haben, wirklich ein gutes Auskommen?! Haben sich dieser gigantische Aufwand von damals und die noch heute andauernden, teuren Maßnahmen rund um die Trockenhaltung der Tiefebene tatsächlich gelohnt? Wenn man die wenig gepflegten Bauten und die kaum kultivierte Landschaft sieht, könnte man das bezweifeln. Außer Weideflächen für Vieh, konnte ich nicht viel Agrarland auf Deinen Fotos entdecken.


    Mir persönlich hätte ein naturbelassener Süßwassersee mit Fischen und einer bestimmt einzigartigen Vogelwelt an dieser Stelle besser gefallen.


    Liebe Grüsse
    Gabi

    „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“
    Aurelius Augustinus (354 - 430)

  • ...Ich frage mich nur, haben die Bauern die sich dort angesiedelt haben, wirklich ein gutes Auskommen?! Haben sich dieser gigantische Aufwand von damals und die noch heute andauernden, teuren Maßnahmen rund um die Trockenhaltung der Tiefebene tatsächlich gelohnt? Wenn man die wenig gepflegten Bauten und die kaum kultivierte Landschaft sieht, könnte man das bezweifeln. Außer Weideflächen für Vieh, konnte ich nicht viel Agrarland auf Deinen Fotos entdecken...

    hallo Gabi,


    ich verweise mal auf einen Passus in Wikipedia zum Thema Jugoslawiens Landwirtschaft:


    "Jugoslawien war Mitte der 1940er Jahre ein stark durch die Agrarwirtschaft geprägtes Land. 70 % der Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft, die 36 % des Sozialproduktes erwirtschaftete. Am 23. August 1945 wurde das Gesetz über die Agrarreform und Kolonisierung (Zakon o Agrarnoj reformi i kolonizaciji) erlassen, mit dem Großgrundbesitzer enteignet wurden (das „Feindvermögen“ war ja bereits konfisziert). Die landwirtschaftlichen Flächen wurden zunächst an Neubauern verteilt. Offiziell galt der Slogan „Der Boden denen, die ihn bebauen“. Vielfach waren jedoch nicht die lokalen Bauern, sondern verdiente Kämpfer des Widerstandes die Profiteure der Bodenreform.[14]Der Bruch Titos mit Stalin 1948 führte zu einer Wende in der Wirtschaftspolitik, hin zu einer Sozialistischen Marktwirtschaft. In einer weiteren Bodenreform 1948 erfolgte eine Forcierung der Zwangskollektivierung großer Teile der Landwirtschaft"


    "Feind" war im Sinne von Titos Kommunisten jeder deutsch und italienisch sprechende Bewohner Jugoslawiens. Die deutschen siedelten seit Jahrhunderten entlang der Donau während die Italiener in Istrien und an der Adriaküste ansäßig waren.


    Nun habe ich explizit zwar nichts genaues zum trockengelegten Cepicsee gefunden, nehme jedoch an, daß es sich hier wie überall im Lande verhielt. Die italienischen Grundbesitzer wurden enteignet. Damit entfiel die Lebensgrundlage und sie wanderten von selbst nach Italien aus. Wer nicht freiwillig ging, bei dem wurde in welcher Art und Weise auch immer nachgeholfen. Ich kenne die Lebensgeschichte eines Freundes aus LIznjan, Geburtsjahr 1938 der als italienisch sprechender mit Familie nach dem Krieg aus Pula vertrieben wurde.


    War das Cepicko Polje erst einmal entvölkert, wird wohl das Land an "verdiente Partisanen" verteilt worden sein. Die waren meist alles andere als Bauern. Dazu kommt die bekannte Mangelwirtschaft, wo Dünger, Saatgut und Maschinen fehlten. Damit ist der Niedergang besiegelt. Nach der Unabhängigkeit Kroatiens begann das Spiel von neuem.


    Meines Wissens steht die Firma Bio Adria d.o.o., die Rechtsform entspricht einer deutschen GmbH, auf wirtschaftlich gesunden Beinen. Fast alle anderen Bauern leben mehr oder weniger von der Hand in den Mund. Wie soll es auch anders sein, wenn die Scholle nicht mehr die Familie ernährt. Ich habe den Eindruck, daß manche scheinbar nur als Zulieferbetrieb für Futtermittel für die Fa Bio Adria arbeiten. Da kann man natürlich kaum daran verdienen, geschweige denn investieren. Traurige Aussichten für die Zukunft wie ich meine.


    Hier im Cepicko Polje gibt es heute tatsächlich nur Weideflächen oder Anbauflächen für Futtermittel wie Mais und etwas Getreide. Während der italienischen Zeit dürfte das anders gewesen sein.


    Grundsätzlich funktioniert so eine Trockenlegung sehr wohl, wie es z. B. in der Poebene zu beobachten ist. Dazu müssen jedoch viele Faktoren zusammenkommen.


    grüsse


    jürgen

  • Es ist ein sehr interessanter Fotobericht, den Du hier eingestellt hast, Jürgen. :thumbup:


    In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts entschied man sich, diesen See trocken zu legen, um eine landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen.


    Den Grund hast du ja ebenfalls in dem Thread „400 Hektar neues Ackerland“ geschildert:
    ... weil Mitte der 30er Jahre tausende italienische Bergmänner mit ihren Familien vornehmlich aus dem Mezzogiorno einwanderten um in den Kohlebergwerken zu arbeiten. Es wurden nicht nur neue Siedlungen wie Rasa gebaut und andere Ortschaften erweitert, sondern es sollten auch vor Ort Nahrungsmittel erzeugt werden. Hinzu kam die Weltwirtschaftskrise, die den Duce dazu veranlasste, staatliche Infrastrukturmaßnahmen durchzuführen um dem Menschen Arbeit zu verschaffen.



    Interessant, eine heutige Meinung dazu, so z.B. von Olifan. :
    Mir persönlich hätte ein naturbelassener Süßwassersee mit Fischen und einer bestimmt einzigartigen Vogelwelt an dieser Stelle besser gefallen.


    Ich verstehe es so, dass es in den 30er Jahren schon wichtig war, zusätzliche landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen. Da hat man womöglich gar nicht darüber nachgedacht, dass es eine Oase für die Vogelwelt werden könnte. Es gab zu dieser Zeit wahrscheinlich auch genug Natur drumherum, oder?


    In ca. 80 Jahren ändern sich natürlich viele Gegebenheiten, die man oftmals nicht vorhersehen konnte. Kohle wird ggf. nicht mehr gefördert, viele „Wanderarbeiter“ sind wieder weggezogen, Landwirtschaft lohnt sich oft nur noch für große landwirtschaftliche Betriebe, anderenfalls nur noch als Nebenerwerb etc.


    Jürgen, du schreibst ja auch, dass der eine See verschwunden ist, aber ein neuer dafür entstanden ist als eine Art Stausee. Wie ist denn Deine Meinung aus heutiger und aus damaliger Sicht zu dieser Trockenlegung?

    El mundo es un libro, y quienes no viajan leen sólo una página. (Aurelio Agustín)
    Gruß Jofina

  • ...Ich verstehe es so, dass es in den 30er Jahren schon wichtig war, zusätzliche landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen. Da hat man womöglich gar nicht darüber nachgedacht, dass es eine Oase für die Vogelwelt werden könnte. Es gab zu dieser Zeit wahrscheinlich auch genug Natur drumherum, oder?
    In ca. 80 Jahren ändern sich natürlich viele Gegebenheiten, die man oftmals nicht vorhersehen konnte. Kohle wird ggf. nicht mehr gefördert, viele „Wanderarbeiter“ sind wieder weggezogen, Landwirtschaft lohnt sich oft nur noch für große landwirtschaftliche Betriebe, anderenfalls nur noch als Nebenerwerb etc.


    Jürgen, du schreibst ja auch, dass der eine See verschwunden ist, aber ein neuer dafür entstanden ist als eine Art Stausee. Wie ist denn Deine Meinung aus heutiger und aus damaliger Sicht zu dieser Trockenlegung?

    hallo Jofina,


    deine Fragen sind auch politischer Natur und deshalb nicht ganz einfach zu beantworten. Politik ist nun mal so eine Sache. Der eine denkt konservativ und der andere progressiv, was auch immer das zu bedeuten hat. Hinzu kommt, daß sich die Einstellungen der Menschen oft im Laufe der Zeit ändern.


    Was Istrien betrifft, sollte dargelegt werden, daß die Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg mehrsprachig, heute würde man sagen, mit mehreren Nationen verbunden war. Gerade unter der Donaumonarchie war das eigentlich kein Problem. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg kam Istrien quasi als Kriegsbeute an Italien. Genauso wie im Kanaltal oder in Südtirol war die Politik der Italiener vom Irredentismus bestimmt.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Italienischer_Irredentismus


    Kurz und knapp: Alle, die nicht italienisch sprechen, stören und müssen sich entweder anpassen oder damit abfinden, Bürger zweiter Klasse zu sein oder auswandern. Italien wollte einfach Tatsachen schaffen. Indem die Einwanderung aus Süditalien gefördert wurde, das sind keine Wanderarbeiter (!), und diese Menschen hier in Istrien Wohnung und Arbeit fanden, sahen sie sich auch schon bald als Neubürger in diesem Teil Italiens.


    Der Kohleabbau war strategisch wichtig aber auch ein Grund für die Einwanderung. Dazu kommt, daß eine Parallelinfrastruktur in Form des Zementwerks Valmazzinghi, der Hafens Trget-Brsica, Getreidemühlen, eine Wasserversorgung, gute Verkehrsinfrastruktur und entsprechende Zulieferbetriebe geschaffen wurden. Der Duce träumte vom neuen römischen Reich. Deshalb ja auch die wiederaufgenommenen Kolonialgelüste wie im Abessinienkrieg 1935 und anderen militärischen Abenteurn Italiens am Vorabend des Zweiten Weltkrieges.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Abessinienkrieg


    https://de.wikipedia.org/wiki/…alienisch-Libyscher_Krieg


    Die Tatsache, daß Titos Kommunisten nach deren Machtergreifung 1945 den Spieß umdrehten, ist somit nachvollziehbar.


    Was das Thema Naturschutz anbelangt,war das damals doch nicht wichtig. Den wirtschaftlichen Aspekten hatte sich alles unterzuordnen. Italien wollte eine Großmacht werden und da spielt so etwas kaum eine Rolle. Erstaunlicherweise war das Deutsche Reich da schon einen Schritt weiter. Adolf Hitler hat bereits 1935 das Reichtsnaturschutzgesetz erlassen, welches auch heute noch Grundlage beim Naturschutz in Deutschland ist.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsnaturschutzgesetz


    Wäre ich damals Italiener gewesen, wäre ich sicherlich so wie die meisten Bürger dieses Landes auf der Welle mitgeschwommen und hätte mich gefreut, daß einerseits durch die staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnamen Millionen "Volksgenossen" wie man damals sagte, nach Jahren der Krise nun in Lohn und Brot standen und andererseits das eigene Land scheinbar einen großen Schritt in eine "glorreiche Zukunft" machte. Schließlich wurde der Erste Weltkrieg ja von Italien "gewonnen" und die "Kriegsbeute" stand dem Land zu.


    Aus diesem geschichtlichen Zusammenhang heraus ist zu erklären, was Mussolini und seine Regierung damals alles in den neuen Provinzen geschaffen hat.


    Heute würde man sicherlich diesen See nicht mehr trockenlegen. Der Aufwand für so eine gigantische Maßnahme steht in gar keinem Verhältnis zum Ertrag. Es muß auch heute in Zeiten der Überproduktion in Europa nicht jeder qm landwirtschaftlicher Boden genutzt werden. Die Erträge sind doch heute ein Vielfaches von damals auf der gleichen Fläche. Transport kostet fast nichts mehr und die Einheiten werden immer größer.


    Auch wenn alles nur Spekulation ist, glaube ich, daß der See heute ein Wirtschaftsfaktor beim Tourismus wäre und niemals mehr abgelassen werden könnte, weil der Widerstand der Bevölkerung zu groß wäre.


    grüsse


    jürgen

  • hallo,


    ich habe noch einen alten Videofilm auf Youtube gefunden, der bei der Trockenlegung des Cepicsees entstanden ist. Den möchte ich euch nicht vorenthalten.


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    grüsse


    jürgen

  • Sehr genau recherchierter Beitrag! Gratuliere. Wir haben in unserem Istrien Buch dieses Kapitel behandelt.
    Nur an seinem Südende war der See an wenigen Stellen tiefer als zwei Meter. Er entstand auf einem Polje, das ist eine großflächige leicht geneigte Karstbildung. Bildet sich an ihrem tieferen Ende eine Barriere, wie hier durch Sedimentanhäufung durch das Flüsschen Boljunščica, entsteht ein seichter See, dessen Ausdehnung stark schwanken kann. Für den Čepić-See wurde meist eine Fläche von 850 Hektar (8,5 kmÇ) angegeben, aber noch im Jahr vor seiner Trockenlegung breitete er sich über zwölf Quadratkilometer aus. Von 1837 bis 1839 war er völlig verschwunden, um nach seinem Wiedererscheinen gleich alle Orte entlang seiner Ufer zu überschwemmen. Er war fischreich, besonders an Aalen, aber wegen seiner Myriaden von Stechmücken litt die gesamte Gegend schwer an der Malaria. Erst 1898/99 gelang es österreichischen Agraringenieuren den See auf 300 Hektar zu reduzieren, der Rest wurde zu einem kaum nutzbaren Sumpf. Unter dem faschistischen Italien versuchte man mit viel Propaganda Istrien zu modernisieren und Agrarflächen zu gewinnen. 1925 fiel der Beschluss zur Trockenlegung. 260 Arbeiter mit modernen Maschinen schufen unter dem Hügel von Kršan einen über drei Meter breiten und 4.550 Meter langen Ableitungstunnel zum Meer, in den Kanal von Plomin. Im See selbst wurde zusätzlich ein 850 Meter langer Ableitungskanal geschaffen. Die Arbeiten begannen 1928. Am 11. Dezember1932 um dreizehn Uhr wurde vor einer großen Volksmenge und unter Anwesenheit zahlreicher Prominenz eine letzte Barriere gesprengt. Das Wasser ergoss sich in den Tunnel und erreichte nach sechsundzwanzig Minuten das Meer. Nach einem Monat war der See verschwunden. Mit dem Aushub legte man auch gleich den Salzsumpf am Ende des Plominkanals trocken. Abgesehen von einem System von Sammelkanälen durchzieht nur das von Norden kommende Bächlein Boljunščica den einstigen Seeboden und mündet in die tief ins Land eindringende Bucht von Polin.
    Eine Sage erzählt über die Entstehung des Sees:
    In alter Zeit sei eine arme Magd ungewollt Mutter geworden und wollte sich des Kindes entledigen.Als das Neugeborene mit dem Wasser der Boljunščica in Berührung kam, nahm es das Messer zum Durchtrennen der Nabelschnur fest in seine winzigen Hände, bohrte ein Loch in den Boden und alsbald sprudelte so lange Wasser hervor, bis ein großer See entstand. Nach einer anderen Erzählung hätten die Bewohner von Čepić vorwiegend von der
    Viehzucht gelebt. Als Viehtränke diente ein Teich. Eines Tages bildete sich im Boden des Teiches eine Spalte und das lebensnotwendige Wasser begann rasch zu versickern. Ein kluger Mann aber umwickelte einen Baumstamm mit einer Rinderhaut und verschloss wie mit einem Stoppel das Loch. Das Wasser floss nicht mehr ab und wurde mehr und mehr, bis die vielen fruchtbaren Äcker unter einem See verschwunden waren.
    Grüsse Friederike

  • hallo Friederike,


    das ist ja ein toller Einstand von dir! Vielen Dank für die zusätzlichen Infos.


    Nun machst du mich schon neugierig über dich und dein Buch. Wie kommst du dazu, ein Buch über Istrien zu schreiben? Ich bin zwar auch sehr viel auf der Halbinsel unterwegs wie du sicherlich an den hier veröffentlichen Reiseberichten von mir sehen kannst. Aber ein Buch schreiben? Da gehört doch einiges an Wissen dazu.


    Kann ich den Titel bzw. den Inhalt erfahren?


    grüsse


    jürgen

  • Sehr interessant!!
    @Friederike - können wir zu Deinem Posting eine Literaturempfehlung bekommen?


    Unsere Forenthemen sind zwar breit angelegt, aber an einer Vertiefung des einen oder anderen Beitrags sind wir interessiert.


    Gruß,
    Elke

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