Villagio del Pescatore bei Monfalcone

Es gibt 7 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Daniel_567.

  • Heute möchte ich euch einen seltsamen Ort in Italien vorstellen. Dieser trägt den einfachen Namen Villagio del Pescatore, auf deutsch "Fischerdorf". Seltsam, mag nun mancher denken. Seltsam ist nicht nur der Name, sondern auch die Geschichte des Dorfes der Fischer.


    Zur Erklärung habe ich diese Landkarte des Königreichs Italien aus Wikipedia verlinkt. Bekanntlich wurden Italien nach dem Ersten Weltkrieg, in welchem das Land auf der Seite der Siegermächte gekämpft hat, als eine Art Kriegsbeute Regionen angegliedert, die heute zu Slowenien und Kroatien gehören.


    Was das hier gegenständliche Dorf betrifft, stammen die Familien der Bewohner fast alle aus den Küstenregionen Istriens, des Kvarner und aus Dalmatien. Diese Landstriche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg an das kommunistische Jugoslawien angegliedert. Titos Partisanen waren die italienisch sprechenden Bewohner der Küstenorte, die überwiegend von Fischfang lebten, ein Dorn im Auge. Spätestens nach dem Anschlag von Vergarolla flohen die Italiener in Massen aus dem Machtbereich Titos.


    https://translate.google.com/t…di_Vergarolla&prev=search


    Diese Flucht geschah meist nachts in den Fischerbooten über einen längeren Zeitraum. An der Landgrenze war die Flucht lebensgefählich weil diese Grenze scharf bewacht wurde. So entstand nach 1945 hier an der Stelle zuerst ein Barackenlager, welches im Laufe der Jahre zu einem richtigen Fischerdorf ausgebaut wurde. Ähnliches kennen wir in Deutschland von Neugablonz, Waldkraiburg oder Geretsried.




    Quelle (Von XrysD - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63230737)


    Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, bei bestem Wetter dieses Dorf an der italienischen Adria zu besuchen.


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    Es mußte schnell gehen mit dem Bau der Häuser. Da bot es sich an, praktische, billige und platzsparende Reihenhäuser zu errichten.


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    Ein kleiner Garten davor und eine schmale Straße genügten. Ein Auto hatte Ende der vierziger und Anfang der Fünfziger Jahre eh kaum jemand.


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    Auch an einen großzügigen Dorfplatz haben die Planer gedacht.


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    Mehr Platz gab es für die Schule und den Kindergarten.


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    Auf dieser Stele ist der Begriff Esuli erwähnt. Der Begriff bezeichnet die geflüchteten oder vertriebenen Italiener aus den Ländern des Balkan nach dem Zweiten Weltkrieg.


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    Was wäre ein Fischerdorf ohne Fischerboote? Mit der Fischerei ist es jedoch schon länger vorbei. Die Kaimauern dienen nur noch wenigen Fischern als Anlieger.


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    Dem Botaniker fällt auf, daß die Pinien hinter der Kaimauer nicht sehr alt sind.


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    Auf dieser Tafel wird die Region dargestellt. Erst nach der Auflösung des Freistaats Triest im Jahr 1954 kam das Villagio del Pescatore endgültig zu Italien.


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    https://de.wikipedia.org/wiki/Freies_Territorium_Triest



    Wie die Fischer nach der Flucht organisiert waren, kann ich nicht sagen. Dieses Gebäude wird jedenfalls nicht mehr für die Fischerei genutzt.


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    Direkt daneben befindet sich ein Museum welches am Sonntag geöffnet hatte.


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    Das widmet sich jedoch nicht nur der Flucht der meist istrischen Fischer, sondern auch den Weltkriegen. Der alte Mann, der es wohl betreut, spricht etwas deutsch und wollte mich gar nicht mehr gehen lassen.


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    Stolz erzählte er mir von seinen Vorfahren aus Österreich.


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    Am Ortsrand stehen die Reste einer ehemaligen Fischfabrik.


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    Unter dieser Überdachung rotten Behälter für Meeresfrüchte vor sich hin.


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    Diese Anlage hingegen scheint noch genutzt zu werden.


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    Nach ein paar Minuten Fußmarsch kommt man zu diesem direkt am Meer liegenden Fischlokal. Nach Auskunft von Einheimischen sollte man hier am Wochenende einen Tisch bestellen, wenn man dort gut und romantisch essen möchte. Der Andrang ist wohl recht groß.


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    Etwas einfacher und preiswerter gibt es mitten im Ort etwas zu essen. Wer beklagt sich eigentlich immer, daß Italiens Gastronomie teuer sei? Im Lokal selbst habe ich nicht fotografiert, weil auch das am Sonntag rappelvoll war.


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    Wer mehr über den geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, der kann sich hier einlesen.


    https://translate.google.com/t…liano_dalmata&prev=search


    Ende von Teil 1 - Teil 2 folgt demnächst. Da gehen wir gemeinsam in die Kirche und 70 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit.


    jürgen

  • Sehr interessant! Reisen bildet. Und das tut Schöner Reisen mit seinen aktiven Berichterstattern auch. Danke für diese Hintergrundinformationen, die ich erst einmal alle genauer durchlesen muss.


    Johannes

  • Jürgen, danke für diesen interessanten Bericht.

    Liebe Grüße

    Josef

  • Manchmal fügt sich hier im Forum ein Mosaiksteinchen ans andere, es entsteht ein Bild ( oder zumindest ein Teil davon ) und ich lerne Zusammenhänge kennen, die ich zuvor nie richtig wahrgenommen habe.

    So geht es mir mit diesen Berichten, die sich aneinanderfügen lassen.

    Villagio del Pescatore bei Monfalcone

    1838 Friaul > Duino Aurisina > VILLAGIO DE PESCATORE > Chiesa San Marco

    I 1830 Friaul > BASOVIZZA > Nationalmonument > Foiba di Basovizza


    Obwohl ich schon sehr oft durch Friaul, die Region Triest und auch weiter nach Istrien gefahren bin, war mit noch nie so richtig bewusst, welch grausame Vergangenheit vor weniger als 80 Jahren die Menschen dort geprägt habt.

    Erst langsam scheint an manchen Stellen eine Aufarbeitung stattzufinden.


    Villagio del Pescatore macht heute einen solch friedlichen, freundlichen Eindruck. Ein hübscher, gepflegter Ort.

    Es gibt dort sicher noch etliche alte Menschen, die sich an die Ereignisse in Kroatien erinnern.


    Jürgen, es ist Dir wieder einmal gelungen, mit Deinem persönlichen Reisebericht mein Interesse zu wecken für spezielle historische Hintergünde einer Region , durch die ich schon oft gefahren bin.


    Danke!


    Liebe Grüße,

    Elke

    Nicht Tatsachen, sondern Meinungen über Tatsachen bestimmen das Zusammenleben.


    Epiktet
    * um 50, † um 138

  • hallo Elke,


    mir geht es ähnlich. Ohne zu übertreiben möchte ich behaupten, daß ich sicherlich in den letzten 25 Jahren irgendwo zwischen 60 und 80 mal in Kroatien aufenthältlich war. Erst im Laufe der Zeit hat sich mir manches erschlossen, was ich vorher überhaupt nicht gewußt habe.


    Auch mir war völlig unbekannt, daß die Küste Istriens und großer Teile Dalmatiens ausschließlich von italienisch sprechenden Menschen bewohnt war. Eigentlich logisch, segelten doch die Handelsschiffe der Venezianer immer nur tagsüber an der Küste entlang und suchten Nachts einen sicheren Hafen.


    Diese Häfen boten jedoch nicht nur Schutz vor Piraten oder der Witterung, sondern waren auch Nachschubstationen für Trinkwasser, Nahrung, Ausrüstungsgegenstände und Seeleute. Da liegt es nahe, daß die venezianische Kultur über Jahrhunderte hingweg von den Bewohnern der östlichen Adriaküste adaptiert wurde.


    Der Krieg war 1945 für viele Menschen der Region eben noch nicht zu Ende. Sei es die Lienzer Kosakentragödie oder die Vertreibung und Flucht der Esuli aus dem entstehenden Jugoslawien. Mich persönlich befremdet, daß selbst heute in Slowenien und Kroatien die Mehrheit der Bevölkerung dieses Unrecht negiert oder verdrängt.


    Dabei haben Slawen, Italiener, Ungarn (!) und deutsch sprechende Bewohner jahrhundetelang mehr oder weniger friedlich nebeneinander gelebt. Der gemeinsame "Feind" war meist das Osmanische Reich.


    Die Grenze Habsburg - Venedig verlief jahrhundertelang mitten durch Istrien. Pazin, damals Mitterburg genannt, war die wichtigste Stadt der Habsburger. Dies bereits vor Napoleon und dem Wiener Kongress, der Dalmatien der Donaumonarchie zusprach.


    Aber auch heute noch lerne ich, was die regionale Geschichte betrifft, dazu. Ab und zu reicht es auch für einen Bildbericht wie diesen...


    grüsse


    jürgen

  • Weiter gehts mit Bildern aus dem istrischen Fischerdorf bei Monfalcone.


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    Die Tatsache, daß es sich hier nicht um ein altes Gebäude handelt, sondern eher um ein außergewöhnliches modernes, fällt wohl jedem Betrachter auf.


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    Natürlich muß auch dieses Dorf eine katholische Pfarrkirche haben. Das war auch in Istrien und Dalmatien nicht anders. Aber diese Kirche hier ist ziemlich neu.


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    Aus dieser Tafel kann wohl jeder, der nicht italienisch spricht, entnehmen, daß die Ursprünge des Villagio del Pescatore auf das Jahr 1952 zurückgehen. Die erste Kirche wurde erst im Jahr 1962 erbaut. 1990 dann endlich eine massive Kirche wie sie heute noch steht. Erst im Jahr 2003 kam der Kirchturm dazu.


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    Das Relief des Markuslöwen passt natürlich zu einer Kirche, die dem heiligen Markus geweiht ist.


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    Das Design der Innengestaltung unterscheidet sich erheblich von mir bekannten Kirchen.


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    Mir gefällt diese Holzkonstruktion sehr gut.


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    Die Besonderheit dieser Kirche jedoch sind die farbigen Fenster zu beiden Seiten des Kirchenschiffs.


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    Darin finden wir die Wappen oder Symbole der Orte der verlorenen Heimat. Lussin steht für Mali und Veli Losinj. Cherso ist der italienische Name für die Insel Cres.


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    Dalmatien, Rijeka und Zadar


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    Izola und Porec in Istrien. Wer kann mir sagen, für welchen Ort das Wappen mit den beiden Bären und dem Baum in der Mitte oben steht?


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    Novigrad, Koper und Piran in Istrien


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    Umag, Rovinj und Buje in Istrien


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    Pula, Vodnjan und Labin in Istrien


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    Bei meinem Besuch habe ich den sonnigen Tag auch dazu genutzt, die Paläontologischen Ausgrabungen zu besichtigen. Dazu muß man nur wenige Minuten an der alten Fischfabrik vorbei gehen und danach links rauf auf einen Hügel.


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    Die Einrichtung ist derzeit nur Sonntags geöffnet.


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    Ich hatte ein längeres informatives Gespräch mit den beiden Studentinnen, die das Areal betreuen. Nach deren Aussage handelt es sich hier um die einzige Fundstelle in Italien mit 70 Millionen Jahre alten Fossilien. Schon toll, was es hier zu sehen gibt, meine ich.


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    Das hier sind originalgetreue Nachbildungen. Die Originale befinden sich im Museum in Triest.


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    Wie so oft, fehlt es am Geld um weiter zu graben. Es wird natürlich vermutet, daß noch viel mehr Fossilien hier zu finden sind. Vielleicht versteckt sich ja noch ein unbekannter Saurier irgendwo in den Felsen des Villagio del Pescatore.


    Fahrt einfach mal hin, wenn ihr auf dem Weg nach Istrien seid. Es lohnt sich bestimmt.


    jürgen

  • Hallo Jürgen.


    Danke für den interessanten 2. Teil Deines Berichtes.

    Ja, ich finde auch, die Kirche hat was. Sie ist recht modern gestaltet.


    Viele Grüsse, Daniel.

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