Das Grenzdenkmal Hötensleben

  • Das Grenzdenkmal Hötensleben


    Im Landkreis Börde in Hötensleben befindet sich direkt an der L104 an der Landesgrenze zu Niedersachsen das Grenzdenkmal, hier war Deutschland bis 1989 geteilt. Es ist ein Teil der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Der Ort befand sich unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, man konnte praktisch nach „Drüben“ schauen, nur durfte man sich dabei nicht erwischen lassen. Des weiteren gab es auf DDR-Seite das Sperrgebiet bzw. die 5-km-Sperrzone, diese wurde in den 1970er Jahren teilweise dahingehend geändert, dass einige Orte aus dieser Zone heraus genommen wurden, und dadurch waren es an einigen Stellen auch mal nur 3 km bis zu den Grenzanlagen. In diese Zone, die es an der gesamten Grenze zum ehemaligen Westdeutschland gab, durfte man nur mit einem Passierschein einreisen, diesen erhielten Personen, die in den jeweiligen Ortschaften wohnten. Wenn man dort in der Sperrzone dienstlich zu tun hatte, konnte man einen Passierschein für den entsprechenden Ort beantragen, dieser Antrag wurde von den dementsprechenden Stellen geprüft, und wenn man nicht als „Staatsfeind“ auffällig geworden oder dem Regime aus anderen Gründen ein Dorn im Auge war, dann erhielt man diesen auch befristet.

    Die Sperrzone war an allen Zufahrtsstrassen mit Schlagbäumen und einem Postenhäuschen versehen. Diese sind, zumindest hier in der Region, nicht erhalten wurden, aber ich kann mich an die Standorte noch sehr gut erinnern, als wir uns nach der Grenzöffnung hier frei bewegen durften und daran vorbei fuhren. Den Ort Hötensleben, wie auch alle anderen Orte im damaligen Sperrgebiet, kannte ich bis 1989 nur vom Namen her, obwohl er nicht sehr weit von meinem Heimatort entfernt war.

    Das Grenzdenkmal hat für mich auch eine persönliche Bedeutung, hier reiste ich 1989 das erste Mal ins damalige Westdeutschland. Wir fuhren an einem Samstag morgen mit dem Bus nach Hötensleben, liefen dann bis zur Grenze, natürlich wurden unsere Ausweise kontrolliert, und dann ging es weiter über einen provisorisch angelegten Betonplattenweg im direkten Grenzbereich, rüber nach Niedersachsen. Unmittelbar an der Grenze befand sich auf niedersächsischer Seite der „Fährturm“, bis zur Wende ein Ausflugspunkt, man konnte von einem Podest aus, welches sich in unmittelbarer Nähe befand, über die Grenze schauen.

    Über den „Fährturm“ habe ich mich kürzlich mit einem gebürtigen Schöninger unterhalten, er ist ca. in meinem Alter. Er berichtete mir, dass er und seine Freunde als Kinder immer mit ihren Fahrrädern über die schmale Kopfsteinpflaster-Strasse von Schöningen aus dort hin zum Eis essen gefahren sind. Im Fährturm wurde ein Kiosk betrieben, der auch noch viele Jahre nach der Wende ein beliebter Anlaufpunkt für Besucher und Einheimische war. Diese Strasse wurde Anfang 1990 asphaltiert, als dann der Übergang Hötensleben auch für den Fahrzeugverkehr freigegeben wurde. Mittlerweile ist sie mindestens 1x verlegt wurden, da der Schöninger Tagebau in dem Bereich erweitert wurde.

    Von hier aus liefen wir ins ca. 3 km entfernte Schöningen, es war sehr neblig und kalt, man konnte höchstens 50 m weit sehen und wir kannten uns hier ja auch nicht aus, also immer dem Vordermann hinterher. Alles war so neu, alle Geschäfte waren geöffnet, vor einer Fleischerei wurde Wurstsuppe ausgeschenkt, an der ich mir gehörig den Mund verbrannte. Gekauft habe ich nichts, ich wusste nicht, was, ich war einfach überwältigt von der Vielfalt der angebotenen Waren.

    Am frühen Nachmittag machten wir uns dann auf den Weg zurück nach Hötensleben, an der Grenze wieder Ausweiskontrolle und der provokatorische Blick der Grenzer in die Einkaufsbeutel der vielen Menschen, und dann fuhren wir mit dem Linienbus wieder nach Hause.

    Immer, wenn ich hier Richtung Niedersachsen entlang fahre, läuft es mir heute noch kalt den Rücken runter, und die Bilder und Erlebnisse von 1989 sind sofort wieder in meinem Kopf. Und ich bin froh, dass es für mich zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dorthin fahren zu können, wo auch immer ich sein möchte.

    Ich möchte noch erwähnen, dass auch ich in den 1990er Jahren, als feststand, dass hier ein Stück der innerdeutschen Grenze erhalten werden soll, nicht unbedingt begeistert davon war, und ich denke, auch einige Hötenslebener nicht. Aber mittlerweile sehe ich es als ein Stück Zeitgeschichte, und die Schrecken, die diese unmenschliche Grenze verbreitet und die vielen Opfer, die sie gefordert hat, sollten niemals in Vergessenheit geraten.


    Soweit meine persönlichen Anmerkungen, und nun zum Denkmal.


    Als erstes habe ich mal ein paar Bilder, auf denen der gesamte Aufbau der Grenzanlage zu sehen ist, von Ost (links) nach West (rechts).








    Nun der Blick von Hötenslebener Seite Richtung Westen.






    Der Aufbau der Grenzanlage, beginnend auf der Ostseite, also nun von rechts nach links. Alle Einzelabschnitte sind beschriftet.












    Weiter in Richtung Westen. Auf dem nächsten Bild sind ganz rechts die Lampen zu sehen, dann weiter nach links folgen der Kolonnenweg, der gepflügte Kontrollstreifen (Todesstreifen), er diente zur Erkennung von Spuren eventueller Grenzübertritte, dann die Fahrzeugsperren und die Grenzmauer oder auch Grenzzaun.








    Hinter der Grenzmauer, im nächsten Bild ganz rechts, befand sich das vorgelagerte Hoheitsgebiet, welches durch Tore in der Grenzmauer betreten werden konnte, natürlich nicht von jedem Grenzsoldat, dafür waren die Grenzaufklärer zuständig.




    Das nächste Bild ist von der Brücke über die Schöninger Aue aus aufgenommen, die hier in diesem Bereich in etwa die eigentliche Grenze markierte. Von links das vorgelagerte Hoheitsgebiet und dann die Grenzmauer.




    Die grossen Tafeln sind überall an der ehemaligen Grenze aufgestellt, mit dem Datum versehen, wann an der jeweiligen Stelle die Grenze geöffnet wurde.




    Hier nochmal ein Blick Richtung Westen, unmittelbar dahinter, wo die Strasse nach links abbiegt, befindet sich der Tagebau Schöningen.




    Der Blick von West nach Ost, und die Stelle, an der sich der weiter oben erwähnte Fährturm befand.






    Nun folgen Bilder, die ich auf dem Rundweg aufgenommen habe. Er ist mit vielen Informationstafeln versehen. Die Bilder von den Tafeln sind mir leider nicht so gut gelungen, da ich mit der Sonne zu kämpfen hatte, und daher teilweise etwas schräg fotografieren musste. Aber ich möchte sie Euch trotzdem zeigen, auch, weil darauf abgebildet ist, wie es dort vor 1989 aussah bzw. zuging.

    Erstmal die Gesamtübersicht.




    Der Rundweg beginnt im Bereich des Kolonnenweges und führt zuerst Richtung Norden.







    Hier noch einmal, von rechts nach links.








    Durch dieses Tor konnte das vorgelagerte Hoheitsgebiet betreten werden.





    Kurz ein Blick zurück.




    Weiter geht es vorbei am Fahrzeugsperrgraben.





    Ein Blick den Kolonnenweg entlang Richtung Süden.




    Oben auf dem Berg steht dieser Turm, in dem die Führungsstelle untergebracht war. Und daneben der Fahrzeugstellplatz mit Sichtschutz Richtung Westen.







    Blick aus Richtung Osten, dieser Plattenweg war vermutlich die Zufahrt für die Grenzeinheiten.




    Das nächste Bild spricht für sich.




    Die Grenzbeleuchtung.





    Die Hötenslebener Seite.





    Das Schaupodest befand sich in der Nähe des Fährturms.




    Nun geht es südlich der L 104 weiter. Dort wurde eine Baumreihe gepflanzt, an der Stelle, an der die Grenzmauer stand. Und ein Stück Grenzmauer steht noch zwischen den Bäumen.






    Ein Stück weiter südlich entlang des Kolonnenweges kommt man zu diesem Beobachtungsturm.




    Was es mit diesem zugeschütteten Ring aufsich hat, kann ich leider nicht sagen. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe des Beobachtungsturmes. Vermutlich war es ein Fäkalien-Sammler, so wie er auch auf der schematischen Darstellung der Führungsstelle abgebildet ist.




    Der Turm steht auf einer Anhöhe, dachte ich zumindest, aber darunter befindet sich der Zugang zum Turm, von westlicher Seite aus war der Eingang nicht einsehbar.






    Der Blick vom Beobachtungsturm aus Richtung Norden über den Parkplatz bis hinauf zum Führungsstelle.




    Dem aufmerksamen Leser wird wahrscheinlich nicht entgangen sein, dass die Informationstafeln 14 und 19 von mir nicht fotografiert wurden.

    Hier nochmal das Bild mit der Übersicht.




    Die Nummer 14 habe ich übersehen, sie beschreibt die Hundelaufanlage, und die Nummer 19 steht, wenn man den Kolonnenweg am Beobachtungsturm weiter südwärts läuft, an der Eisenbahnbrücke. Über diese führte die Strecke von Oschersleben nach Schöningen, nach dem Krieg wurde sie unterbrochen, und der Endbahnhof war dann Hötensleben. Ende der 1960er Jahre wurde die Strecke stillgelegt.


    Ich habe diesen Bericht so geschrieben, wie sich das Grenzdenkmal mir bei meinem Besuch erschloss. Auch meine Kenntnisse um die Grenze sind mit eingeflossen.


    Hier ein paar Links zu Hötensleben, dem Grenzdenkmal und der innerdeutschen Grenze.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Grenzdenkmal_Hötensleben

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hötensleben

    https://de.wikipedia.org/wiki/Innerdeutsche_Grenze


    Die Oschersleben-Schöninger Eisenbahn (OSE).

    https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Oschersleben–Schöningen


    Das Sperrgebiet.

    https://www.mdr.de/damals/archiv/artikel84666.html


    Ich möchte nicht versäumen, einen Hötenslebener zu erwähnen, der sich sehr für das Grenzdenkmal eingesetzt hat. Achim Walther war viele Jahre Vorsitzender des Grenzdenkmal-Vereins. Für seine geleistete Arbeit und Verdienste erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande.

    http://www.hoetensleben.de/new…z_fuer_achim_walther.html


    Er hat auch Bücher über diese Region geschrieben, zum einen "Die Heringsbahn", darin geht es um die OSE und auch, wie es nach Ende des Krieges bis 1952 dann war, und man erfährt auch, warum sie Heringsbahn heisst. Auch das Folgebuch möchte ich erwähnen, "Die eisige Naht", darin schildert er die Ereignisse von 1952 bis 1989.

    https://www.volksstimme.de/nac…aht-Zeitzeugen-reden.html


    In diesen beiden Videos berichtet Achim Walther über den Aufbau der Sperranlagen.

    Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=PDCTiy_3ULg

    Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=dP09yGnIwfE



    Im Forum gibt es bereits einen Beitrag aus dem Jahr 2008 zum Grenzdenkmal Hötensleben.

    https://www.schoener-reisen.at/thread/914-sachsen-anhalt-grenzdenkmal-hötensleben/



    Viele Jahre fand hier auch "Rock am Denkmal" statt, 2009, als sich die Grenzöffnung zum 20. mal jährte, traten sogar die Scorpions in Hötensleben auf, unter anderem mit dem Wende-Klassiker "Wind of Change". Seit 2013 gibt es die Veranstaltung leider nicht mehr.

    https://www.volksstimme.de/nac…nkmal-hat-ausgerockt.html


    Wer das Grenzdenkmal einmal besuchen möchte, hier die Karte dazu.

    https://www.google.de/search?q=hötensleben+grenzdenkmal+karte&npsic=0&rflfq=1&rlha=0&rllag=52121839,11018688,396&tbm=lcl&ved=2ahUKEwiGuPPYgovdAhWEwAIHHUc1AroQtgN6BAgEEAQ&tbs=lrf:!2m1!1e2!3sIAE,lf:1,lf_ui:2&rldoc=1#rlfi=hd:;si:;mv:!3m8!1m3!1d396849.15584505047!2d11.018688450000013!3d52.12183910000001!3m2!1i946!2i486!4f13.1



    Viele Grüsse, Daniel.

  • Respekt, Daniel!

    Und DANKE für diese umfangreiche und gründliche Darstellung eines Ausschnittes der deutschen Geschichte.

    Ich muss das alles noch ein paar Mal lesen.

    Ich wusste schon einiges. Aber so detailliert habe ich noch nirgendwo gelesen, wie unüberwindbar und mit welch perfiden Rafinessen die Grenze "gesichert" war.


    Endlich mal jemand, der authentisch berichten kann, wie er das von der damals "anderen"Seite erlebt hat.

    Auch wenn Du zur Zeit der Grenzerrichtung noch sehr jung warst und sicher als Kind nur wenig mitbekommen hast, so spüre ich doch jetzt in Deinem Bericht etwas von dem Entsetzen, das Dich gepackt hat, als Du dann zum ersten Mal das Ausmaß dieser Grenzanlagen gesehen hast.

    Haben Deine Eltern gewusst, wie die Grenze aussieht?

    Durften Grenzposten, die dort eingesetzt waren, darüber sprechen?

    Das war sicher ein Tabuthema.


    Deine Empfndungen bei Deinem ersten Besuch des Westens an diesem kalten, nebligen Novembertag hast Du eindrucksvoll geschildert. Er war offensichtlich weniger von Freude geprägt als von einer Art Angst vor dieser total fremden Umgebung.

    Wann hat sich das denn gelegt? Wart Ihr später öfter in Schöningen und wann wurde es für Euch zur Selbstverständlickeit, dass Ihr einfach dorthin fahren konntet?


    So dicht am Grenzzaun zu leben war für die meisten ( vor allem älteren) Dorfbwohner sicher eine sehr große Belastung- mehr als sie vermutlich im fernen Mecklenburg Vorpommern zu spüren war.


    Nur gut, dass diejenigen, die dieses Grenzdenkmal seinerzeit nicht wollten und es abgelehnt hatten, sich nicht durchsetzen konnten.

    Es ist ein ganz wichtiges Zeugnis jüngerer Geschichte und hilft hoffentlich gegen das Verharmlosen ( und leider von manchen auch Beschöningen) der damaligen Zeit.


    Nochmals: ganz herzlichen Dank für die viele Arbeit, die Du Dir mit dieser gründlichen Dokumentation gemacht hast.


    Liebe Grüße,

    Elke

  • Hallo Daniel,


    ein ganz HERZLICHES DANKESCHÖN für die Dokumentation der deutschen Geschichte.


    Ich habe zwar viel schon gehört und gelesen über die damalige Grenze bis 1989, aber wenn man deine Dokumentation liest, läuft es mir auch kalt den Rücken runter.


    Ich werde auch wie Elke den Bericht noch ein paar Mal lesen.


    Gott sei Dank gibt es es diese Grenze nicht mehr und wir können alle miteinander in Frieden leben.


    Wenn man bedenkt, ohne 1989, hätten wir dich und Birgit nie kennengeletnt.


    So nah an dieser Grenze zu wohnen, stelle ich mir vor, muss für die Menschen fürchterlich gewesen sein.


    Unsere deutsche Geschichte hat den Menschen in West und Ost sehr viel Leiden gebracht.


    Nochmals Danke fürs einstellen dieser Dokumentation von deiner Ansicht aus gesehen.


    Liebe Grüße vom Bodensee nach Börde

    Steffi

    “Schöne Adventszeit und bleibt gesund“

  • Hallo Elke.

    Haben Deine Eltern gewusst, wie die Grenze aussieht?

    Durften Grenzposten, die dort eingesetzt waren, darüber sprechen?

    Den Grenzaufbau sollte hier keiner kennen, um nicht doch mal ein Schlupfloch zu ersinnen und die DDR verlassen zu können. Meine Eltern und Grosseltern erfuhren einerseits nur etwas, wenn im damaligen"West-Fernsehen" mal über eine Republikflucht berichtet wurde, und andererseits, wenn unsere Verwandtschaft im kleinen Grenzverkehr zu einem Tagesbesuch kam und über die Schikanen in Helmstedt/Marienborn berichtete. Allerdings wurden diese Gespräche bewusst von mir fern gehalten, was ich damals nicht verstand, aber im Nachhinein betrachtet sollte ich nicht irgend etwas aufschnappen und mich dann eventuell in der Schule z.B. verplappern.


    Von den Grenzern durfte keiner darüber sprechen, es waren Hauptberufliche und auch Soldaten, die ihren Wehrdienst verrichten mussten. Wahrscheinlich haben die Soldaten zu Hause im engsten und vertrauenswürdigem Familienkreis über ihre Erlebnisse an der Grenze berichtet.


    Es gibt im TV ja zig Reportagen darüber, wie in der DDR der Alltag war, auch werden oft Zeitzeugen dazu befragt. Einige Berichte sehe ich, gerade wenn sich das entsprechende Klientel zu Wort meldet, als Verklärung und Schönfärberei.


    Wann hat sich das denn gelegt? Wart Ihr später öfter in Schöningen und wann wurde es für Euch zur Selbstverständlickeit, dass Ihr einfach dorthin fahren konntet?

    Bei mir hat es schon ein paar Jahre gedauert, bis es zur Normalität wurde. Für meine Mutter z.B. wurde es eher zur Selbstverständlichkeit, sie fing bald in Niedersachsen zu arbeiten an und fuhr täglich diese Strecke.


    So dicht am Grenzzaun zu leben war für die meisten ( vor allem älteren) Dorfbwohner sicher eine sehr große Belastung- mehr als sie vermutlich im fernen Mecklenburg Vorpommern zu spüren war.

    Das denke ich auch, und hier im ehemaligen grenznahen Raum waren die militärischen Aktivitäten ja auch höher als in weiten Teilen der restlichen DDR. Und es gab z.B. "Verdunkelungsübungen", alle Fenster mussten mit Decken verhangen werden, die eh schon spärliche Strassenbeleuchtung wurde ausgeschaltet, und es wurde, wenn ich mich recht erinnere, von der ZV überwacht. Den Sinn habe ich damals nicht verstanden, aber im Nachhinein betrachtet, war es wieder eine weitere Kriegsübung.


    Es freut mich, dass ich mit dem Bericht ein wenig aus einer für manche unbekannten Perspektive berichten kann. und vor allen Dingen, dass man zum Glück generell überhaupt darüber sprechen kann, obwohl ich sagen muss, dass das "Klappe halten" aus DDR-Zeiten mich bis heute geprägt hat, ich bin eigentlich immer ein verschlossener Typ geblieben.


    Liebe Grüsse, Daniel.

  • Hallo Steffi.


    Gott sei Dank gibt es es diese Grenze nicht mehr und wir können alle miteinander in Frieden leben.

    Ja, genau so sehe ich das auch, ich kann aber sagen, dass gerade hier im ehemaligen grenznahen Bereich die Grenze in den Köpfen vieler Menschen bleiben wird, meist von der Alters-Generation 45+, meiner Meinung nach auch teils aus Überzeugung, finde ich schlimm.

    Unsere deutsche Geschichte hat den Menschen in West und Ost sehr viel Leiden gebracht.

    Von meinen Eltern und Grosseltern weiss ich, dass meine Urgrossmutter z.B.immer sehr verbittert war, sie war in den 1920er Jahren aus dem Raum Langelsheim hier her gezogen, und hat, immer wenn es möglich war, mit ihrer Schwester in Höxter telefoniert, was auch ein riesen Problem darstellte, erst ein Gespräch anmelden, und dann konnte man ja auch nicht alles sagen. Sie ist nie mit der Teilung klar gekommen.


    Über diese Erlebnisse könnte ich noch so vieles berichten, aber dass alles zu schreiben ist für mich gar nicht so einfach, und es würde ins politische abrutschen.


    Liebe Grüsse aus der Börde, Daniel.

  • hallo Daniel,


    vielen Dank für deinen toll recherchierten und sehr informativen Beitrag. Elke und Steffi haben Kommentare abgegeben, die genau meiner Einstellung entsprechen.


    Ich hatte nie Verwandte "drüben" und war und bin auch heute fest in westliche Strukturen eingebunden. Für mich war die DDR immer eine Diktatur, die dem NS-Regime nur wenig nachstand.


    Wir wurden im Westen aber auch so erzogen, daß wir ständig vor der riesigen sowjetischen Militärmaschinerie im Verbund mit den anderen Warschauer-Pakt-Staaten Angst hatten. Zahlen von Waffensystemen wurden ebenso wie die Anzahl der Soldaten verglichen. Gerade in jungen Jahren hatte ich Angst vor einem Atomkrieg und dem möglichen Einmarsch der DDR Volksarmee und deren Verbündeten zumal die zumindest auf dem Papier uns haushoch überlegen waren.


    Erst nach der Wende sah auch ich, daß diese Angst zumindest teilweise unbegründet war, weil ein Großteil der militärischen Infrastruktur mehr als marode war.


    Für mich gehören das Wachhalten der Erinnerungen auch durch solche Berichte wie deinen zum Leben. Politische Bildung in Deutschland darf nicht nur Adolf und dessen "1000 Jähriges Reich" umfassen, sondern genauso die DDR-Diktatur. Leider kommt dies jedoch in den Lehrplänen ebenso wie die deutsche Geschichte vor 1933 kaum zur Geltung.


    In diesem Zusammenhang passt vielleicht noch mein Bericht über "Klein Berlin Mödlareuth"


    Mödlareuth - Klein Berlin mitten in Deutschland


    Auch diese drei Rätsel ergänzen das Thema:


    1723 - Allgäu > Nähe von BODELSBERG /GÖRISRIED > Flugkörper-Bereitschaftsstellung Ochsenhof


    D - 1746 Bayern > Oberbayern > SCHWABSTADL > Lechbrücke > ehemalige Zollbrücke


    1509 Bayern > Sperreinrichtung (Trägerstecksperre) am Lech


    Nur nebenbei erwähnen möchte ich, daß ich mich wirklich über die erfolgreiche Wiedervereinigung freue. Was kann ich dafür, daß ich zufällig im Westen geboren bin und was kannst du dafür, daß es bei dir zufällig umgekehrt war.


    Wie Steffi schon schreibt, hätten wir uns nie kennengelernt, wenn diese unmenschliche mörderische Grenze heute noch bestehen würde. Da haben wir Korea was voraus. Da können die Koreaner auch noch was von uns lernen.


    grüsse


    jürgen

  • Hallo Jürgen.


    Vielen Dank für Deine ergänzenden Links, ich bin ihnen mit grossem Interesse gefolgt.

    Wir wurden im Westen aber auch so erzogen, daß wir ständig vor der riesigen sowjetischen Militärmaschinerie im Verbund mit den anderen Warschauer-Pakt-Staaten Angst hatten.

    Hier war es genau anders herum, es wurde die NATO als Feind dargestellt.

    Gerade in jungen Jahren hatte ich Angst vor einem Atomkrieg und dem möglichen Einmarsch der DDR Volksarmee und deren Verbündeten zumal die zumindest auf dem Papier uns haushoch überlegen waren.

    Zum Glück ist es dazu nie gekommen. Und wie diese Situation ausgegangen wäre, da wage ich gar nicht dran zu denken.

    Die Verbündeten (Sowjets) waren ja hier sehr präsent, im Umkreis von wenigen Kilometern kann ich mindestens 4 Stellen benennen, wo sich Stützpunkte bzw. kleinere und grössere Bunker befanden. Ob dieser aus 15 Staaten zusammengewürfelte Haufen im Ernstfall richtig funktioniert hätte, kann ich nicht sagen, intern gab es unter den kleinen Soldaten oft Streit, weil einer den anderen nicht mochte. Und wie sie oft behandelt wurden von den Vorgesetzten, ich weiss nicht, ob das alles förderlich für das gute Funktionieren der Armee gewesen ist.


    Ich sehe es auch so, gut dass es 1989 so gekommen und friedlich geblieben ist, und wir uns schreiben und besuchen können, wann immer wir wollen. Und es spielt keine Rolle, wer wo wann geboren wurde.


    Viele Grüsse, Daniel.

  • Heute Abend um 21.00 Uhr wird im MDR die Reportage "Das Geheimnis von Harbke - Operation Grenzkohle" gesendet.

    Harbke befindet sich nur wenige Kilometer nördlich von Hötensleben, dort befand sich ein Tagebau, durch den direkt die innerdeutsche Grenze verlief. Dieser Tagebau wird mitlerweile geflutet, dort entsteht der Lappwaldsee (südlich von Helmstedt).

    https://de.wikipedia.org/wiki/Helmstedter_Braunkohlerevier


    Nachtrag: Und wie ich gerade sehe, ist es auch schon in der Mediathek verfügbar.

    https://www.mdr.de/mediathek/f…171a0f60_zs-1638fa4e.html


    Viele Grüsse, Daniel.

    Einmal editiert, zuletzt von Daniel_567 ()

  • Danke, Daniel, für den Tipp mit der Mediathek!

    Will ich mir unbedingt ansehen!


    Lieben Gruß,

    Elke

  • NACHTRAG:

    Ein absolut sehenswerter, spannender Beitrag!

    45 min, die sich gelohnt haben und eine gute Erweiterung und Vertiefung Deines Berichtes sind.

    Es ist unglaublich, was alles möglich war .... und wovon man nichts wusste.

    Daniel, wie weit ist es von Dir bis zum künftigen Lappwaldsee?

    Ein paar Bilder noch bevor der See gefüllt ist, wären Zeitdokumente für die Zukunft. Sicher wird das ein kleines Naturparadies!


    Liebe Grüße,

    Elke


    Schade, das der Beitrag in der Mediathek irgendwann nicht mehr aufrufbar ist

    Hier der zusammenfassende Begleittext

    Zitat

    Das Geheimnis von Harbke - Operation Grenzkohle

    Ein Film von Peter Simank

  • Vielen Dank für Deine Ergänzungen, Elke.


    Bis nach Harbke und Helmstedt ist es nicht allzu weit von hier.

    Ich werde dort mal ein paar Bilder machen, bin ab und zu in Helmstedt.

    Bleibt zu hoffen, dass es mit dem Fluten und dem Befestigen der Hänge des zukünftigen Sees auch funktioniert, denn leider gibt es hier in der weiteren Region auch ein Negativ-Beispiel, den Concordia-See.



    In der Reportage war ja auch das Grenzdenkmal Hötensleben zu sehen und der oben in 1. Beitrag von mir erwähnte Achim Walther hat kurz etwas zum Aufbau der Sperranlagen erklärt.

    Ja, wenn man es sich so überlegt, was sich da alles so abgespielt hat, von dem kaum einer etwas wusste bzw. wissen durfte.


    Liebe Grüsse, Daniel.

  • Lieber Daniel,


    die aktuelle Diskussion - geschichtliches Wissen über die Situation im Osten und im Westen Deutschlands - hat Elke mit einem link zu Deinem Beitrag über Grenze Hötensleben bereichert.


    Ich habe Deinen Bericht aus 2018 mit großem Interesse gelesen. Und auch ich möchte Dir herzlich für die interessanten uns auch sehr persönlichen Beschreibungen danken!!!


    Oft schreibst Du hier im Forum wohlwollende und nette Kommentare, über die ich mich immer wieder freue. In diesem Bericht scheint viel von den Erfahrungen durch, die Du gemacht hast.


    Bei uns in Österreich war die Teilung

    Deutschlands noch weniger Thema als in Schulen Deutschlands.


    In der Nachkriegszeit, in der ich selber in Wien die Schule besuchte, ging der Geschichtsunterricht nicht einmal bis 1938... In dem Schulheft, das ich noch immer aufbewahre, endete die Wissensvermittlung mit der Zwischenkriegszeit...


    "Die Russen" waren als Besatzungsmacht nach 1945 in Wien allerdings sehr gefürchtet. Und meine Familie hatte mit ihnen auch sehr schwierige Erfahrungen gemacht...


    Umso erleichterter war man in Österreich 1955 über den Staatsvertrag, der uns Befreiung von den Besatzungsmächten brachte...


    Trotzdem war das allgemeine Interesse am geteilten Deutschland bei uns enden wollend...


    Umso mehr begann ich mich als Erwachsene für das Geschehen zu interessieren. Immer mehr Anteil haben wir genommen, als leichte Hoffnung aufkam, dass die Aktivitäten vieler Bürger und Vertreter der Kirchen eine Veränderung einleiten könnten...


    Atemlos haben wir dann die Geschehnisse von 1989 mit verfolgt... Es war fast nicht zu glauben, dass die WENDE wirklich gekommen ist....


    Die darauf folgenden Jahre waren sicher auch nicht einfach. Sie verlangten vor allem den Menschen aus den neuen Bundesländern sehr viel ab, vielleicht noch immer.


    Deshalb berührt und beeindruckt mich Dein Bericht als ein Zeitdokument so ganz besonders.


    Ich habe in meinem Bekanntenkreis eine junge Frau, die kurz nach der Wende in Rostock geboren wurde, selbst also noch keine Erinnerung hat. In Familien wird ja auch oft kaum über die Jahre "davor" geredet.


    Du hast uns Wertvolles erzählt. Ich bin sehr nachdenklich!


    Herzlichen Gruß!

    Susanne

  • Liebe Susanne.


    Vielen Dank für Deine Ausführungen, Susanne.

    Ich finde es immer sehr spannend und interessant , zu erfahren, wie andere Menschen diese Zeit erlebt haben.


    Du hast recht, es sind einige meiner Erfahrungen mit in diesen Bericht eingeflossen, was sicher auch mit daran liegt, dass ich diese Grenze samt Sperrgebiet unmittelbar vor der Nase hatte.

    Jemand, der weiter im Hinterland der ehemaligen DDR gelebt hat, hat dies vermutlich nicht mal so intensiv mitbekommen.


    Da fällt mir gerade noch etwas ein. In meinem Bericht habe ich unter anderem auch die Stadt Schöningen erwähnt. Diese liegt so ein wenig am Hang des Elms. Und Abends und Nachts war dort alles hell erleuchtet und dies konnte man von einigen Stellen aus sehen. Zu dieser Zeit wussten hier sicher viele nicht, dass es sich um Schöningen handelt, denn auf den Karten, die es hier gab, waren die meisten Orte und Städte der damaligen BRD, vor allem im grenznahen Bereich, nicht eingetragen, um eventuellen Flüchtlingen keinen Anhaltspunkt geben zu können. Schon makaber, das alles.



    Liebe Grüße, Daniel.

  • Hallo Zusammen.


    Ich habe in diesem Bericht u. a. auch über das Sperrgebiet berichtet und daher denke ich, dass folgender TV-Tipp gut hierher passt.


    Heute um 21.00 Uhr wird im MDR eine Reportage "Aktion Ungeziefer" - Vertrieben in der DDR gesendet.

    In den 1950er und 1960er Jahren wurden unliebsame, nicht linientreue Menschen aus dem Sperrgebiet zwangsausgesiedelt und ins Hinterland der damaligen DDR gebracht.


    In der Mediathek ist der Bericht schon verfügbar: Link zum MDR


    https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_Ungeziefer



    Viele Grüße, Daniel.

  • Danke, Daniel, für den Hinweis und den Link.

    Ich habe mir die Reportage in der Mediathek angeschaut.

    Unglaublich, was Menschen angetan wurde.


    Wir waren ahnungslos .

    Dokumentationen wie die, die Du hier im Forum über die Grenze eingestellt hast, sind ein ganz wichtiger Betrag zur deutsch-deutschen Geschichte.

    Reportagen wie diese des MDR über persönliche Schicksale machen deutlich , wie ganz normale Menschen der Willkür der DDR ausgesetzt waren.

    Kaum vorstellbar, schlimm.

    NIemand durfte darüber reden.


    Vielleicht sollte man vor allem als "Wessi" bei Reisen z.B. in die Altmark um diese Vorkommnisse wissen.


    Viele Grüße,

    Elke

  • Zum Thema passt gut eine kleine "alltägliche Geschichte", die mir seit ein paar Wochen nicht mehr aus dem Kopf geht.


    Ich habe in Liznjan eine Bekannte aus Deutschland, die dort ebenfalls ein Haus besitzt. Eigentlich kenne ich sie seit Jahren. Aber erst seit etwa vier Wochen kenne ich sie genauer. Da hat sie mir nach ein paar Bier auf meiner Terrasse erzählt, daß sie in Berlin Pankow aufgewachsen ist und im Urlaub mit den Eltern in Ungarn einen Westdeutschen kennengelernt hat. Es kam wie es kommen mußte. Man sah sich ein paar Mal in Ostberlin und es reifte der völlig undurchdachte Entschluß zur Republikflucht. Das damals 17jährige Mädchen versteckte sich im Kofferraum des Pkw des Freundes aus dem Westen und wurde natürlich an der Zonengrenze geschnappt. Das geschah glaublich im Jahr 1977.


    Zwei Jahre Knast im Frauengefängnis Hoheneck waren das Ergebnis, wobei sie Glück hatte, weil sie aufgrund des Freundes aus dem Westen nach 11 Monaten Haftdauer von der Bundesrepublik freigekauft und sofort in den Westen überstellt wurde.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheneck_(Gef%C3%A4ngnis)


    Die Details ihrer Schilderungen habe ich noch nicht so recht verdaut. Nun weis ich jedenfalls, warum sie irgendwie anders ist als all die Menschen, die ich kenne.


    Mehr kann und will ich dazu gar nicht schreiben, sonst wird mir schlecht. Plötzlich ist man als völlig Unbeteiligter selbst in meinem Alter mit dieser Sch...-Diktatur befaßt! :(


    grüsse


    jürgen

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