Kindheit auf dem Bauernhof

Es gibt 11 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Karin.

  • In meiner Kindheit wohnten wir eine Zeitlang neben einem Bauernhof.


    Heute würde man sagen, ein Kleinbauer - damals ernährte er eine ganze Familie.
    Für mich war es ein aufregender Spielplatz.


    Es gab 3 Kühe, 2 Ochsen, 2 Pferde, keinen Traktor ( der war in den letzten Kriegsjahren eingezogen worden)
    Im Hof ein Misthaufen und eine Güllegrube, die mit Brettern abgedeckt war. Es war mir verboten, dort hinzugehen.


    Der Bauer mochte mich ( er hatte "nur" 2 Söhne und hätte gern eine Tochter gehabt) und ich durfte oft mit ihm auf's Feld oder auf den Dreschplatz fahren: mal hoch oben auf den aufgeladenen Garben , mal hinten auf dem Wagen oder vorne auf dem Kutschbock, wo ich dann auch laut die Kommandos brüllte: hü, hott oder brrrrrr ( mit kräftig gerolltem r)


    Eingespannt wurden meist die beiden Pferde , der Max und die Liesel.


    Auf der Liesel durfte ich manchmal sitzen, was gar nicht so einfach war, weil der Ackergaul einen breiten Rücken hatte. Da half es nur , sich an der Mähne oder an dem Spitzkummet festzuhalten.


    Für manche Feldarbeiten wurden auch die Ochsen eingespannt. Die mochte ich nicht so sehr - die erschienen mir immer etwas langweilig, sowie unberechenbar und gefährlich.


    Eines Tages spannte der Jungbauer ( er war vermutlich noch keine 20 Jahre alt, für mich aber schon ein großer, erwachsener Mann) die Ochsen ein, um Gülle auf das Feld hinauszufahren.


    Das Güllefass war aus Holz , an manchen Stellen undicht , und hinten mit einem Holzstopfen verschlossen . Dieser war Hilfe eines Lumpens fest in die Öffnung gedrückt worden .


    Die Gülle wurde mit einem Schöpfer, der aussah wie ein Eimer an einem sehr langen Holzstiel, aus der Güllegrube geschöpft und in das Holzfass gekippt.


    Damals störte sich niemand dran, dass das Fass leckte und auf Straße eine Güllespur hinterließ.


    Ich durfte mitfahren .


    Auf dem Acker angekommen , fragte der Jungbauer ( sicher nicht ohne Hinterlist), ob ich ihm helfen und den Stopfen hinten aus dem Güllefass herausziehen könne.


    Ich war stolz, dass er meine Hilfe brauchte und dass er mir das zutraute .


    Ich ging hinter den Wagen und mit beiden Händen und mit aller Kraft einer Vier- oder Fünfjährigen zog ich den Holzstopfen mit dem Lumpen aus dem Loch...


    Leider war ich nicht reaktionsschnell genug, um rechtzeitig zur Seite zu springen, als der Güllestrahl mit Hochdruck aus dem Loch schoss.


    Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter nicht mit mir schimpfte, als ich stinkend nach Hause kam.


    Aber dem Jungbauern ging ich von da an aus dem Weg ( und erfand alle möglichen Phantasiespitznamen für ihn, die ich ihm dann immer zurief, wenn ich ihn sah)


    Noch Jahre später , als wir schon längst weggezogen waren und wenn wir uns zufällig trafen, neckten wir uns.


    Der Bauernhof wurde irgendwann abgerissen und heute stehen dort Mehrfamilienhäuser.
    Ob der "Jungbauer" noch lebt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht.


    Elke

  • Wiederum eine sehr schöne Geschichte aus vergangenen Zeiten ,


    auch du hast diese/deine Geschichte mit guter Wortwahl sehr schön erzählt.


    Ich lese sehr gerne diese alten Geschichten , erzählen sie mir doch auch etwas ( aus dem Leben ) von meinen Freunden hier im Forum.

    Liebe Grüße :auto3:


    Es geht nicht darum , dem Leben mehr Tage zu geben ,

    sondern den Tagen mehr Leben.

    Cicely Saunders

  • Ein herzlich wärmende Geschichte, liebe Elke,


    einfach wunderbar diese Rückblicke in die Kindheit, passend zur gegebenen Nachdenklichkeit im Advent.


    Wobei das schon ein nicht mehr wegzudenkender Einschnitt war mit der Gülle.


    Und wieder wurde das behütende Herz der Mutter offenbar, die nicht noch in deinen sicher erlebten Schock den Finger in die seelische Wunde steckte.


    Vielen Dank


    ganz lieben Gruß
    Helmut

    Wer nichts weiß, muss alles glauben.
    Marie von Ebner-Eschenbach

  • Hallo Elke,


    eine schöne Geschichte aus deiner Kindheit, die ich gern gelesen, ja direkt " verschlungen " habe ...:wink:

  • Ja so waren die Zeiten nach dem zweiten Weltkrieg.
    Ich bin auf einem großen Bauernhof aufgewachsen und ich brauchte
    dadurch wenigstens nicht hungerleiden.
    Aber Arbeiten als Kind war wichtiger als der Schulbesuch.
    Der Lehrer bekam ein großes Stück Fleisch und unser Fernbleiben
    von der Schule wurde als krank vermerkt. Ich habe heute noch alle
    Zeugnisse und staune immer wie viel ich gerade im Frühjahr und Herbst krank war.
    Vor allem das "meinen" (vor den Ochsen hergehen beim Ackern und eggen) haste ich besonders. Den ganzen Tag den Acker hin und her.
    Die Pferde gingen alleine da brauchte niemand vorausgehen.


    Hier mein Onkel mit 2 Ochsen. Solche hatte der Onkel das ganze Jahr über
    5 Paar.


    Liebe Grüße

    Josef

  • Danke Josef ,


    eine wunderschöne alte Aufnahme zeigst du uns hier.

    Liebe Grüße :auto3:


    Es geht nicht darum , dem Leben mehr Tage zu geben ,

    sondern den Tagen mehr Leben.

    Cicely Saunders

  • Was auch noch auffällt: Der Onkel ist nicht in Arbeitskleidung , sondern im Sonntagsgewand!
    Die Ochsen sind auch nicht eigespannt. Das sieht nicht nach Arbeit aus.
    Sicher war der Fotograf bestellt und beauftragt worden, ein oder mehrere Fotos zu machen.
    Da kleidete man sich "ordentlich".


    Das war aufwändig . Wer hatte denn schon einen Fotoapparat?
    Und wenn - dann waren die Zelluloidfilme teuer und ihre Entwicklung zeitraubend.


    Danke Josef, dass Du diese Aufnahme aufbewahrt hast und sie uns hier zeigst.


    Liebe Grüße,
    Elke

  • Elke danke,
    genau so war es wie Du es schreibst.

    Liebe Grüße

    Josef

  • HAllo Elke,


    danke für die schöne Geschichte aus Der Kindheit. Ich kann mir gut vorstellen, wie sich der Jungbauer über Dich lustig gemacht hat. Auch Deine Phantasienamen die Du dem jungen Mann gegeben hast waren sicher nicht ohne.
    Solche Erlebnisse sind im nachhinein nicht mehr so schlimm und man kann drüber schmunzeln, gerade solche Geschichten sind ja die, an die man sich noch gut erinnern kann, weil sie einprägsam sind.

    :blume17: Grüssle von tosca


    Nicht woher der Wind weht, sondern wie man die Segel setzt, darauf kommt es an!

  • @ Elke:
    Es wurde, auch in meiner Kindheit, immer wieder von der Gefährlichkeit der "Od'lgrub'n" berichtet - wenn einer reingefallen ist, war oft auch der verloren, der noch versucht hatte, den Gestürzten zu retten. Die Gase müssen übelst giftig sein.
    Von mir als Kleinkind (selber erinnere ich mich nicht mehr daran) wird überliefert, ich hätte beim Anblick eines "Od'lwag'n" geäussert: "Der Bulldog muss aufs Klo".


    @ Josef:

    Zitat

    Ich habe heute noch alle
    Zeugnisse und staune immer wie viel ich gerade im Frühjahr und Herbst krank war.
    Vor allem das "meinen" (vor den Ochsen hergehen beim Ackern und eggen) haste ich besonders. Den ganzen Tag den Acker hin und her.


    Meine Tante (Volksschullehrerin) erzählte von einem Entschuldigungszettel, auf dem stand: "BENEDIKTE DEN BUM".

  • von der Gefährlichkeit der "Od'lgrub'n"


    Natürlich hieß die Jauche im Schwäbischen, wo sich das abspielte, nicht Jauche oder Od'l - sondern ganz einfach "Mischtbrieh"
    Und die Jauchefässer "Mischtbriehfässer"


    Aber wer hätte das schon verstanden :wink:


    Ja, gefährlich waren diese Gruben, deshalb auch als Spielplatz verboten ( Im Gegensatz zur Scheune, wo man von hoch oben ins Heu herunterspringen konnte.
    Aber das ist eine andere Geschichte.)


    Liebe Grüße,
    Elke

  • Oh Elke, da werden Erinnerungen wach.
    So manche Anekdote könnte ich von meinen vielen Ferien auf dem Bauernhof erzählen.
    Vom 7. bis zum 14. Lebensjahr verbrachte ich meine großen Ferien auf einem Bauernhof.

    Lieben Gruß Karin
    Wer der Sonne entgegen wandert lässt den Schatten hinter sich. (Bruno Hans Bürgel)

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