Grizzlys Bosnienreise 2010

Es gibt 68 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Grizzly.

  • Donnerstag 15.7.10


    Man hätte sich's einfach machen und den Flieger nehmen können, dann wären wir (meine Studienfreundin F. und ich) in zwei oder drei Stunden in Sarajevo gewesen. Aber das ist, wie Ihr inzwischen wisst, nicht mein Stil.


    Also ...
    Guten Morgääähn - es ist 3:30.
    Die zwei gestellten Wecker brauche ich nicht, das Reisefieber weckt mich.
    Kissen gepackt (das schleppe ich seit 20 Jahren wegen meiner lädierten Halswirbelsäule auf allen Reisen mit), gefrühstückt, Abschied von meiner Frau - Taxi, U-Bahn, um 5:35 bin ich am Hauptbahnhof,
    der ICE nach München kommt ausnahmsweise mal pünktlich und um 6:00 gehts los.


    Bis München haben wir fast das ganze Großraumabteil für uns, machen uns breit und holen etwas Schlaf nach.
    In der bayrischen Landeshauptstadt steht ein Eurocity nach Klagenfurt mit 3 Kurswagen nach Zagreb bereit, der ist dann gut besetzt, auch unser Sechser-Abteil füllt sich schnell - zum Glück mit verträglichen Studenten aus Norwegen;
    mit seinen Reisegenossen kann man manchmal Pech haben, und dann hilft nur noch die Flucht in den Speisewagen,
    so vorhanden.


    Hier sind wir schon an Bad Hofgastein vorbei


    (Sorry, das Bild ist a bisserl unscharf, halt aus dem fahrenden Zug geschossen)


    und hier kurz vor dem langen Tunnel zwischen Österreich und Slowenien.


    Die rote österreichische Lok hat uns bis Dobava gezogen,
    der Grenzstation zwischen Slowenien und Kroatien,


    die kroatische löst sie ab.


    In Zagreb holen uns Bekannte ab und begleiten uns in die 300m entfernte Jugendherberge (Omladinski Dom in der Petrinjska 77), in der ich sechs Wochen zuvor die einzigen beiden mit Nasszelle bestückten Einzelzimmer reserviert habe, das Ganze im 4. Stock, zum Glück funktioniert der museumsreife Aufzug. Aber ich hätte auch gleich zwei Kabinen in der Sauna buchen können.



    Freitag 16.7.


    Vor der Zagreber Hauptbahnhof


    grüßt König Tomislav


    - entschuldigen Sie, Majestät, dass ich Ihren Spiess oben abgeschnitten hab, aber nicht viel - gucken Sie hier :klick:



    Ich hab mir lang überlegt, ob ich für die Weiterfahrt nach Sarajevo den Zug oder den Bus nehmen soll. Da der Zug auf der 9-Stunden-Strecke keinen Speisewagen hat und nur kurze Aufenthalte, während der man nix zu Trinken holen kann, hab ich mich für den Bus entschieden. Was auch den Vorteil hat, dass man länger schlafen hätte können, wenn das bei der Schwüle gegangen wäre.


    Nachdem ich den Busbeifahrer gefragt habe, ob ich mich weiter vorn hinsetzen kann, um besser photographieren zu können, setzt der mich ganz vorn auf den Reiseleiterplatz ! Das die meisten Bilder trotzdem verwackeln, dafür kann der Fahrer nichts. Dafür weist er mich zwischendurch auf Besonderheiten hin, wie hier auf die KZ-Gedenkstätte Jasenovac

    .


    Jetzt ist schon Banja Luka ausgeschildert,


    und hier kommt die kroatische Grenzstation in Sicht
    (direkt an der Grenze, hat man mir gesagt, soll ich lieber nicht photographieren).


    Die Abfertigung geht flott - und hinter dieser Brücke wartet Bosnien.

  • Immer noch Freitag, 16.7.10


    Vor den Grenzkontrollen verlasse ich meinen "Logenplatz", damit die Busfahrer keinen Ärger kriegen - man weiss ja nie. Deshalb gibts von Bosanska Gradiska auch keine Bilder. Es ist eh ein Problem, aus einem fahrenden Fahrzeug Bilder zu machen, mindestens zwei Drittel kann man hinterher wieder löschen.


    Wir befinden uns in der Republika Srpska, dem serbischen Teil Bosniens - alle offiziellen Verlautbarungen sind in kyrillischer Schrift gehalten. Auf der Straße hier steht Schkola. In lateinischer Schrift geschrieben,
    könnte sich auch ein Sprachunkundiger noch denken, dass das "Schule" heisst.


    Aber wenn er kein Kyrillisch lesen kann, haben er und das - wahrscheinlich serbische ! - Kind,
    das ihm ins Auto gerannt ist, die Arschkarte ...


    Nicht weit hinter der Grenze gibt's die erste Kaffe- und Pinkelpause.
    Unser Bus ist nicht der einzige, einer hat noch die lange Fahrt nach Göteborg vor
    und schon mindestens fünf Stunden seit Sarajevo hinter sich ...



    Bis Banja Luka war die Landschaft relativ langweilig, jedenfalls von Bus aus.
    Das ändert sich dahinter, als das Vrbas-Tal anfängt.




    Vor Jajce verlassen wir das Tal - die zweite Kaffeepause gibt mir noch Gelegenheit
    für ein paar Bilder von oben.



    Da geht's runter.


    Diese vorbildliche Raststätte


    beherbergt auch einen Nichtrauchersalon -
    einen in keinster Weise abgetrennten Seitenflügel mit einem kleinen Schild
    SALA ZA NEPUSACE = Saal für Nichtraucher.


    Man muss ihnen zugute halten, dass das das einzige Restaurant mit Nichtraucherabteilung
    gewesen ist, dass ich auf meiner ganzen Bosnienreise gesehen habe.


    Die nächste Schlucht kommt bestimmt ...


    und der nächste Verursacher einer weiteren kleinen Verspätung auch.



    Allmählich wird's Abend


    ... und wir sind erst in Jajce oder Travnik - die Busbahnhöfe sind leider nicht sehr charakteristisch.



    Bis Sarajevo gibt's leider keine forumtauglichen Bilder mehr. Aber dann ...

  • Da warten wir gespannt auf die Fortsetzung, Grizzly - wollen wir doch im nächsten Jahr auch BiH besuchen!


    ...Dafür weist er mich zwischendurch auf Besonderheiten hin, wie hier auf die KZ-Gedenkstätte Jasenovac...


    An der Gedenkstätte Jasenovac (am Ostrand des Naturparks Lonsjko Polje) sind wir in diesem Jahr auch vorbei gefahren, aber es hatte wie aus Kübeln geschüttet, so dass wir nicht angehalten haben.


    Bitte weiter machen, Grizzly!


    Grüsse aus dem "Pott",
    Irmgard und Klaus

    Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.
    (Albert Schweitzer)

  • Ich genieße es , diese Art zu reisen mitzuerleben - aber nur virtuell :wink: ....ob ich heute noch das nötige Sitzfleisch für solch eine Strecke im Bus aufbringen würde, ich weiß nicht.


    Entstehen eigentlich bei solch langen Reisen auch Kontakte und Gespräche zu/mit ( vermutlich einheimischen) Mitreisenden?


    Was sind das für Leute, die da mitreisen??


    Zitat

    Bitte weiter machen, Grizzly!


    Dem Wunsch von Klaus schließe ich mich an!!


    Gruß,
    Elke

  • @ ELMA:
    Mit Mitreisenden hat sich wenig ergeben, zumal ich die meiste Zeit mit einer Studienfreundin aus Heidelberger Zeiten unterwegs war. Da denken dann die andern, wir wären verbandelt oder gar verheiratet, was ja gar nicht stimmt und was wir, wenn's die Gelegenheit ergab, auch richtig stellten, aber das hält die Leute natürlich ab, Kontakt zu suchen.



    (immer noch 16.7.10)


    Irgendwann gegen 22 Uhr, es ist schon stockfinster, laufen wir doch noch im Busbahnhof von Sarajevo ein. Mein Bekannter S., der mit seiner Familie vor dem Krieg flüchtete und aufgrund der Engstirnigkeit deutscher Ausländerbürokraten mit 15 Jahren zurück musste, holt uns ab. Für grad mal 7 Mark kurvt uns der Taxifahrer quer durch die Stadt zum Hotel Hayat in der oberen Altstadt.


    Auf der HP sehen die Zimmer etwas geräumiger aus als in der Realität. Das überdimensionierte Bett füllt fast das ganze Zimmer aus, und da die Halterung für's TV-Gerät kaputt ist, stellt das gute Stück nichts als ein Verkehrshindernis dar -


    da ich nicht zum TV-Glotzen nach Sarajevo gekommen bin, lasse ich den Kasten entfernen
    und bastele mir einen Doppeldeckernachtisch.


    Mit der Toilette geht das nicht so einfach.
    Zum einen muss ich um das ganze Bett herum laufen, da Ausstieg nur nach einer Seite möglich ...


    zum andern muss man erst mal in die Dusche steigen, damit man die Bad/Klotür zukriegt,
    was zur Toilettenbenutzung dringend notwenig ist


    Ohne Verrenkungen können nur extrem Magersüchtige diese Einrichtung geniessen.



    Wir drehen wir trotz der späten Stunde eine Runde durch die Bascarsija, das Basarviertel, in dem noch das Leben tobt ...




    bis gegen Mitternacht ziemlich plötzlich die Läden zugeklappt werden.


    Dann bleibt einem nur der noch der Rückweg, wobei wir in den ersten Tagen über jede Orientierungshilfe dankbar sind, wie zum Beispiel dieses rote Schrottauto Marke Zastava, das wohl schon seit Jahren hier in der Nähe des Hotels parkt und deshalb auch leicht wieder zu finden ist.

  • Bei dem Abendspaziergang wäre ich auch gern dabei gewesen!!


    (Es gibt schlimmere Bleiben als dieses Hotelzimmer!! :wink: Recht eng - aber sieht doch recht sauber aus)


    Gruß,
    ELMA

  • @ Elma:
    Stimmt, sauber war's.


    Sonntag 18.7.10


    Mittlerweile hab ich die Tage durcheinander geschmissen - ein Teil der obigen Bilder ist bereits am Samstag (17.7.) entstanden, an dem sich die Reisegruppe zum ersten Mal zusammengefunden hat, unter der Leitung des TAZ-Journalisten Erich Rathfelder, der seit 20 Jahren hier lebt, und seiner Frau Amela. Die beiden werden uns jetzt 9 Tage ihr Land zeigen.


    Zu Beginn unseres Stadtrundgangs kommen wir, wenige Schritte von unserem Hotel entfernt, an einer kleinen Moschee mit Friedhof vorbei. Daneben spielen ein paar Buben unermüdlich Fußball - als Torwand dient ein Garagentor.


    Infolge des Kriegs mussten mehrere riesengroße Friedhöfe angelegt werden,
    zum ersten laufen wir weniger als fünf Minuten.


    Unweit des Eingangs steht ein kleines Mausoleum über dem Grab von Alija Izetbegovic (1925 - 2003),
    des ersten Präsidenten von Bosnien-Herzegowina. Sein Grab findet man nur, wenn man es weiss -
    es gibt weder Grabstein noch ist irgendwo sein Namen zu lesen.




    Auf diesem Grabstein (wie vielen anderen) steht sinngemäß:
    "Sagt nicht, dass die auf Allahs Reise Gestorbenen (?) tot sind.
    Nein, sie leben.
    Aber Ihr merkt es nicht."

  • Immer wenn ich solche Bilder sehe, spüre ich dasselbe Schaudern und die gleiche Trauer wie bei Bildern von den Soldatenfriedhöfen mit dem riesigen Grabfeldern aus dem 1. und 2. Weltkrieg.


    ELMA

  • Immer wenn ich solche Bilder sehe, spüre ich dasselbe Schaudern und die gleiche Trauer wie bei Bildern von den Soldatenfriedhöfen mit dem riesigen Grabfeldern aus dem 1. und 2. Weltkrieg.


    Geht mir so ähnlich.
    Aber leider kommen hier noch mehr - zum Glück auch viele schöne Bilder, die mit Kireg nix zu tun haben.


    Vom Wohnort der Toten, die man nie vergessen darf, und den Grund, warum sie so früh sterben mussten, auch nicht, zurück ins Leben. Weil das geht ja weiter, und das ist gut so.


    Wir gehen jetzt runter ins Zentrum der Stadt. Wo der Handel seit Jahrhunderten blüht (mit einigen Jahren Zwangspause,
    aber die ist seit 15 Jahre zu Ende) und sich die Touristen auf die Füße treten,



    vorbei an einer Großbaustelle, aus der mal die Residenz des Obersten der Muslime
    in Bosnien und Herzegowina werden soll - so soll sie aussehen -


    in wenigen Minuten sind wir unten am Sebilj (sprich Ssebil), dem Brunnen am Eingang der Bascarsija, dem Basarviertel, den man ab dem zweiten Tag seines Sarajevo-Aufenthalts als Treffpunkt vereinbart, der ständig von Tauben umlagert ist, und an dem man jederzeit seine mitgebrachte Wasserflasche füllen kann.

  • sich die Touristen auf die Füße treten,


    Wirklich - so weit ist es schon wieder???


    ELMA

  • All die Berichte über Bosnien , die doch mit Elkes und deinen Bildern schon einen relativen Gesamteindruck geben,
    den Zeitzeugnissen ( auch im Freundschaftsbereich) , den zaghaft beginnenden Aufschwung, den nicht zu vergessenden herrlichen Landschaftsaufnahmen, aber auch den Merkwürdigkeiten mit übergroßen Automarken zu protzen (und was sich dahinter verbirgt) ,
    den aufgezeigten Alltag der Bevölkerung lassen einen schon staunen und hoffen, trotz der stetig glimmenden Ungerechtheiten im Hintergrund.
    Betroffen aber macht mich doch (auch wenn es mit Sicherheit als politischer und vor allem religiöser Eckpfeiler gedacht ist) die machtvoll gedachte und überdimensionierte Residenz des Obersten der Muslime.
    Nach all dem Leid der Kriegswirren sollte doch wohl das Geld als erstes in eine ausbaufähige Infrastruktur fließen (siehe im nichtigen Beispiel, die Eisenbahnwägen usw.) , das Alltagsleben (da fehlt es hinten und vorne) durch wirtschaftlichen Aufschwung angekurbelt und und und , und nicht schon wieder Geld im Überfluss für eine Machtdemonstration ausgegeben werden.
    Sie haben in meinen Augen nichts gelernt und bieten damit den Bodensatz für weitere Unzufriedenheit in großen Teilen der Bevölkerung.
    Traurig und das ärgert mich.
    wallbergler

    Wer nichts weiß, muss alles glauben.
    Marie von Ebner-Eschenbach


  • Wirklich - so weit ist es schon wieder???
    ELMA


    Sarajevo/Bascarsija und Mostar um die Brücke herum - ja; sonst hast Du noch genug Platz zum Umfallen.
    In Westbosnien wzB. Bihac waren wir vermutlich die einzigen Touristen ohne Migrations- oder UNO-Hintergrund.


    ( ... ) Betroffen aber macht mich doch (auch wenn es mit Sicherheit als politischer und vor allem religiöser Eckpfeiler gedacht ist) die machtvoll gedachte und überdimensionierte Residenz des Obersten der Muslime.
    Nach all dem Leid der Kriegswirren sollte doch wohl das Geld als erstes in eine ausbaufähige Infrastruktur fließen (siehe im nichtigen Beispiel, die Eisenbahnwägen usw.) , das Alltagsleben (da fehlt es hinten und vorne) durch wirtschaftlichen Aufschwung angekurbelt und und und , und nicht schon wieder Geld im Überfluss für eine Machtdemonstration ausgegeben werden.
    Sie haben in meinen Augen nichts gelernt und bieten damit den Bodensatz für weitere Unzufriedenheit in großen Teilen der Bevölkerung.
    Traurig und das ärgert mich.
    wallbergler


    Nicht nur Dich - unser Stadtführer Meho wär Dir bei Deinen Worten um den Hals gefallen.
    ___________________________________________________________________________________________________________________


    Weiter am (späteren) Vormittag des 18.7.10


    Kurz hinter dem Brunnen, irgendwo im Gassengewühl, ist ein Schmiedeladen.
    Früher hat der Besitzer selber geschmiedet, die Einrichtung hat er noch.


    Ansonsten hat er jede Menge Lampen und Dekorationsgegenstände




    und nicht alle Tassen im Schrank, weil die da gar nicht mehr reinpassen :D


    Einiges ist auch gar nicht mehr hier, sondern im Museum -
    hier bedankt sich z.B. das Heimatmuseum Visoko bei den Ladeninhabern für die Spenden.

  • Wir haben noch immer Sonntag den 18.7. und sind in der Bascarsija von Sarajevo.


    Das sind unsere derzeitigen "Chefs", Erich (links), der männliche Teil der Reiseleitung, und Meho, unser Stadtführer.


    Die Themen, das sieht man ihnen an, sind nicht immer lustig.
    Zwar ist 15 Jahre nach Kriegsende das meiste wieder aufgebaut, aber noch immer sieht man Einschusslöcher



    und vor allem die Moscheen waren 1995 alle zerstört.
    Das liegt zum Teil daran, berichtet Meho, dass die serbischen Artilleristen die Minaretts als Zielscheibe missbrauchten.
    Inzwischen sind auch die Moscheen, zum Teil mit türkischer und nicht ganz uneigennütziger saudi-arabischer Unterstützung wieder komplett aufgebaut worden.
    Das hier ist die größte von ihnen, die Gazi-Husrev-Beg- oder Begova-Moschee, erbaut 1525 - 1531, gestiftet nach den osmanischen Siegen in Ungarn und Kroatien, an denen der - in Bosnien geborene - Stifter entscheidenden Anteil hatte.



    Die ganze Moschee kriegt man wegen der engen Gassen drumherum schwer aufs Bild,
    deshalb hier eine aus Wikipedia geklaute Abbildung ...


    Diese Datei und die Informationen unter dem roten Trennstrich werden aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons eingebunden.


    Da stehen auch nicht so viele Touristen im Weg herum :D

  • Zitat

    Inzwischen sind auch die Moscheen, zum Teil mit türkischer und nicht ganz uneigennütziger saudi-arabischer Unterstützung wieder komplett aufgebaut worden.


    Weißt Du, wie das prozentuale Verhältnis von Muslimen und ( serb orth.) Christen in Sarajewo ungefähr ist?
    Ich hatte 2009 den Eindruck , es gäbe sehr viel mehr Minarette als Kirchtürme.


    Ich finde Moscheen ( rein vom ästhetischen und architektonischen Gesichtspunkt aus betrachtet) oft sehr schön.
    Durftet Ihr die Moschee betreten?


    Gruß,
    ELMA

  • Weißt Du, wie das prozentuale Verhältnis von Muslimen und ( serb orth.) Christen in Sarajewo ungefähr ist?
    Ich hatte 2009 den Eindruck , es gäbe sehr viel mehr Minarette als Kirchtürme.


    Ich finde Moscheen ( rein vom ästhetischen und architektonischen Gesichtspunkt aus betrachtet) oft sehr schön.
    Durftet Ihr die Moschee betreten?


    Das ist, ohne Schuhe, erlaubt - ich muss zugeben, dass ich nicht drin war, da zu umständlich, meine Wanderstiefel auf- und wieder zuzuschnüren,
    und die Gruppe weiter wollte.
    Dein Eindruck zum Verhältnis Moscheen-Kirchen wird wohl stimmen, laut Wikipedia sieht die Bevölkerungsstatistik so aus:

    Zitat

    Bei der Volkszählung 1991 bezeichneten sich 49,3 % der Einwohner Sarajevos als Bosniaken, 29,8 % als Serben und 6,7 % als Kroaten. Zu Beginn des Krieges flohen die meisten serbischen und kroatischen Einwohner aus der Stadt, auch wegen der anstehenden Belagerung der Stadt durch die VRS.
    Heute stellen die Bosniaken mit 78,3 % die Bevölkerungsmehrheit.


    P.S. I
    Zu den einzelnen Religionen komme ich später noch.
    Ganz Neugierge können ja schon mal im Weitblickforum "luschern", da bin ich etwas weiter (aber auch noch nicht fertig).
    Wobei ich meine Berichte gern in mehrere Foren setze, wegen der unterschiedlichen Rückmeldungen.


    P.S. II
    Während des Krieges (das hab ich damals in der Zeitung gelesen) sind auch viele Juden geflüchtet, was eine Weile noch relativ einfach war. Die jüdische Gemeinde soll auch sehr großzügig gewesen sein im Ausstellen von "Juden-Nachweisen" - das konnte also im Gegensatz zu einem halben Jahrhundert vorher lebensrettend gewesen sein ...


    In Sarajevo gibt's aber nicht nur Moscheen, sondern auch katholische


    und orthodoxe Kirchen,


    hier die älteste aus dem 16. Jahrhundert mit einem schönen ruhigen Innenhof,


    während ausserhalb das Leben tobt, wie überall in Sarajevo.


    Unweit die Synagoge, inzwischen auch restauriert,


    womit die vier in Sarajevo traditionell gelebten Religionen komplett wären.

  • Was die bosnischen Muslime und ihr weibliches Outfit betrifft, so sehe ich am Hamburger Hauptbahnhof mehr Kopftuchträgerinnen als in Sarajevo, Mostar oder Bihac; auch in Dörfern scheinen sie in der Minderheit zu sein. Um den Brunnen am Eingang der Bascarsija herum treten sie etwas gehäufter auf, dann waren es oft türkische Touristinnen, zum Teil aus Deutschland ...


    Nach einer Kaffeepause geht die Stadtführung weiter.


    An der schwedischen Botschaft vorbei, an der reger Publikumsverkehr herrscht
    (es gibt viele bosnische Migranten in Schweden)


    kommen wir zu dem Platz, der 1914 Weltgeschichte gemacht hat,
    nämlich der Latinski Most oder Lateinerbrücke, an der der serbische Nationalist
    Gavrilo Princip das österreichische Thronfolgerpaar erschossen hatt.



    Da wo das rote Auto parkt, stand der 19jährige Prinzip, mit dem Gesicht zur Brücke, d.h. zu uns und ...


    Knapp vier Jahre später starb er in Thereseinstadt an Tuberkulose, in völliger Isolationshaft einschliesslich Sprechverbot.


    Dort wo die Bank steht, befand sich zeitweise ein Denkmal.


    Vor dem letzten Krieg waren Princips Fußspuren im Asphalt einbetoniert, jetzt gibt's eine Nachbildung im Museum, das sich gegenüber dieser Ecke befindet und im wesentlichen das Attentat zum Thema hat.


    Irgendwo da oben, wo jetzt die Masten stehen, stand 1992 - 95 serbische Artillerie, die fast pausenlos in die Stadt hineinschoss, ungezielt und oft auch gezielt dorthin, wo sich Menschen aufhielten. Das Leben in der Stadt muss damals die Hölle gewesen sein - und dort zu stehen, von wo ich diese Aufnahme gemacht habe, und wo jetzt unser bosnisch-serbischer Bus (weil die Firma, laut Erich, billiger und zuverlässiger ist als die Konkurrenz aus der Föderation) mit einem freundlichen und exzellenten Fahrer auf uns wartet, war damals lebensgefährlich.


    Im Bus geht's durch die berüchtigte "Sniper-Allee", durch die man sich während der Belagerung nur im Laufschritt von Deckung zu Deckung oder - im Auto - mit Höchstgeschwindigkeit bewegen durfte, an einem Wald von Hochhäusern vorbei (in denen damals nicht nur die Aufzüge nicht funktionierten ...). Heute sind Aufzüge, Fenster etc. repariert, die Straßenbahn fährt, und man kann sich an den Ampelkreuzungen die Windschutzscheibe putzen lassen.



    Über die Stadtautobahn kommt man in den Vorort Ilidza, und nach einer längeren Irrfahrt (eine Autobahnbrücke ist gesperrt) landen wir an der Quelle des Flusses, der diesem Land den Namen gegeben hat - der Bosna ...


    in einem Park, der auch im Schwarzwald sein könnte




    Der Versuch, ein Schwanenpärchen so aufzunehmen, dass beide Köpfe sichtbar und nicht unter Wassser sind, braucht einige Zeit - derweil hab ich die Gruppe verloren und nur der Umstand, dass ich mir (weil mir ähnliches schon öfter passiert ist) die Mobilnummer der Reiseleitung gespeichert habe, erspart mir eine längere Suche :D


    Schärfer ging's unter diesen Umständen leider nicht.

  • Deine Erzählweise finde ich einfach bewundernswert: Historisch und politisch Bedeutsames mit derselben trockenen und sparsamen Ausdrucksweise wie die scheinbar unwichtigsten Beobachtungen... ich genieße es, Deinen Bericht zu lesen, der jedoch auch viel zum Nachdenken anregt.
    Danke, Grizzly!
    Sind diese Hochhäusern auf der Strecke nach Ilidza ( wo es übrigens einen der wenigen CP in BiH gibt), ein Teil jener Wohnanlage, die zum Olympiazentrum gehört haben?


    Gruß,
    ELMA

  • Danke grizzly,


    Elke hat ja schon auf deine spezifische Sichtweise hingewiesen. Im Hinblick auf die aufgezeigten Brennpunkte kommt bei mir wieder die nieder drückende Erinnerung an die Greuelgeschichten während dem dortigen Krieg.
    Das Ausmaß der hinterhältigen Angstschürung usw. .
    Es wird wohl Generationen dauern, nicht nur eine, bevor sich die psychischen Auswirkungen legen können.


    Und dabei werden die Kriegsverursacher z.Teil immer noch mit Weichspüler behandelt. Unvorstellbar.
    Schlimmer noch, wie ein Erlebnis an anderer Stelle und in einem anderen Forum schon benannt:
    Ein in Dubrovnik eingeschlossener junger Mann (in den Dez. Tagen vor Ablauf des Ultimatiums der Nato) der mit dem Leben schon abgeschlossen hatte, berichtete mir in einem Lokal hoch oben auf dem Berg hinter Cavtat, dass er jetzt wieder jene, die sich von den Verursachern durch ihr nach wie vor herrisches Auftreten nicht abgrenzen, freundlich
    bedienen sollte.
    Gerade diese Uneinsichtigkeit der Letzteren wird leider noch lange Zeit den Hass schüren.
    Und Menschen , wie aus deiner Reiseleitung kann nicht oft genug gedankt werden, diese Dinge , so wie es offensichtlich bei dir ankam, unaufgeregt als Fakt darzustellen.
    Großes Lob für deinen Bericht
    wallbergler

    Wer nichts weiß, muss alles glauben.
    Marie von Ebner-Eschenbach

  • @ Wallberger:
    Man kriegt als Tourist, zumal ohne fachkundige Begleitung (die ich ja jetzt hatte) wenig mit.
    Eben Kriegsdenkmäler, wobei v.a. der Sprachunkundige erstmal rätselt, ob aus dem letzten oder vorletzten Krieg, und der für viele unentzifferbaren kyrillischen Schrift, wobei man dazusagen muss, dass in der Föderation Schilder in kyrillischer Schrift überhaupt nicht vorkommen - in der Srpska haben sie meistens beide Systeme, von den Betonkopfregionen wie Visegrad mal abgesehen.
    Aber man kann herumfahren wie man will, wird bedient, die Leute sind freundlich ...
    Allerdings untereinander hakt es oft noch. Nicht nur zwischen Serben und Bosniaken, auch zwischen den Kroaten und den anderen beiden. Verbeitet sind in gemischen Regionen z.B. "Schulen mit zwei Aufgängen" und unterschiedliche Lehrpläne der 3 Volksgruppen. Anfangs sind die Leute aus Gorazde z.B. Umwege über schlechtte Straßen gefahren, wenn sie nach Sarajevo wollten, um nicht durch die Srpska zu müssen - das hat sich immerhin gelegt. Die einheitliche Währung und die Einheitskennzeichen der Autos, denen man nicht ansehen kann, aus welcher Gegend sie kommen (normalerweise mag ich das nicht, aber hier ist es sinnvoll) hat da einigen Dampf rausgenommen.


    Für die Älteren unter uns:
    Wir haben in BiH 15 Jahre nach Kriegsende - in Deutschland wäre das jetzt 1960 ...



    @ Elma:
    Irgendwo dort ist auch Mojmilo d.h. das Olympische Dorf, wenngleich nicht direkt an der Straße nach Ilidza. Man kann diese Hochhausansammlung schlecht auseinander haltren ...



    Auf dem Rückweg von der Bosna-Quelle kommen wir am Redaktions- und Verlagsgebäude der wichtigsten Zeitung des Landes, Oslobodjenje (Befreiung) vorbei. Vor dem Krieg residierte diese in dem Hochhaus daneben, das jetzt Hotel ist - während des Krieges wurde das Gebäude bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschossen.


    Das Oslobodjene-Gebäude damals
    und heute:


    Nicht weit davon haben sich Architekten bei diesem Kirchenneubau austoben können ...


    Am Ostrand von Sarajevo ist bereits Republika Sprska, das sogenannte Novo Sarajevo,
    u.a. mit dem komplett neu gebauten Stadtteil Lukavica.



    Lukavica bestand bis 1995 nur aus einer Kaserne, deren Besatzung für einen Großteil der Angriffe auf die Stadt Sarajevo verantwortlich war. Ein Tage vorher angekündigter Bombenangriff der NATO liess von der geräumten Kaserne nicht viel übrig, ansonsten war der Schaden gering.



    Durch Serpentinen und enge Gassen schraubt sich unser Bus hinauf bis zum jüdischen Friedhof.






    Laut Erich haben während des Krieges viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Stadt verlassen,
    die deshalb stark überaltert ist und jetzt noch aus 832 Erwachsenen und einem begeistert begrüßten Baby besteht.



    Der Friedhof war zeitweise von Heckenschützen besetzt, die von hier oben in die Stadt hinein schossen; zwei der u.a. hierfür Verantwortlichen, die Generäle Stanislav Galic und Dragomir Milosevic, sitzen inzwischen langjährige Haftstrafen ab.



  • Grizzly, da hast Du wohl den falschen Abschnitt reinkopiert- die Bilder mit der Bosna kennen wir schon!


    Das mit den Schulen, mit den verschiedenen Aufgängen und unterschiedlichen Lehrpläne schockiert mich schon!
    Und Du hast Recht: Um so ein vielsagendes Detail zu erfahren, braucht man einen ( ehrlichen) einheimischen Führer!


    Geht diese Trennung auch bis auf die Ebene der Unis?? Sarajevo ist doch wieder Universitätsstadt, oder?


    Gruß,
    ELMA

    • Gäste Informationen
    Hallo, gefällt dir der Thread, willst du was dazu schreiben,
    dann melde dich bitte an.
    Hast du noch kein Benutzerkonto, dann bitte registriere dich, nach der Freischaltung kannst du
    das Forum fast uneingeschränkt nutzen.