Venzone - Auferstanden aus Ruinen

Es gibt 6 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Susanne M.

  • Als jemand, der des Öfteren die Kanaltalautobahn von Villach über Udine nach Triest und dann weiter nach Istrien fährt, mache ich auch gelegentlich einen Abstecher von der Autobahn. Heute will ich euch einmal Venzone, das liegt zwischen Tolmezzo und Udine, vorstellen. Der Ort hat nur knapp über 2000 Einwohner und eine mehr als tausendjährige Geschichte, mit der ich euch nicht langweilen will. Das besondere an diesem Städtchen ist ein gewaltiges Erdbeben am 6.5.1976, welches die Stadt fast vollständig zerstörte. Ich übernehme hier mal den Wortlaut aus Wikipedia:


    „Am 6. Mai 1976 wurde der Ort nahezu komplett zerstört, als um 20:59 Uhr ein Erdbeben 56 Sekunden lang Friaul erschüttert. Die Erdstöße erreichen eine Intensität von VIII bis IX auf der zwölfstufigen Mercalli-Skala und werden als zerstörend bis verwüstend klassifiziert. In Venzone gab es 47 Todesopfer. Bereits in den ersten Tagen nach der Katastrophe organisierte ein Bergungsausschuss die Bergung der beweglichen Kulturgüter. Venzone war schwer betroffen, jedoch nicht ausgelöscht. Die vollständige Zerstörung der Altstadt, der Festungsmauern und des Doms verursachte ein Nachbeben vom 15. September 1976.
    Die Bevölkerung schloss sich 1977 zu einem Bürgerkomitee zusammen und forderte den lückenlose Wiederaufbau des Dorfes. Das zuständige Ministerium war aber auch mit einer zweiten Eingabe befasst: Das Baubüro der Gemeinde wollte alle Gebäudereste beseitigen und Venzone mit Fertigbau-Elementen wiederaufbauen lassen.
    Letztendlich wurden jedoch die Pläne des Bürgerkomitees übernommen.
    Man entschied die zerstörten Häuser nicht einfach zu ersetzen, sondern sämtliche Trümmer wieder genau so zusammenzusetzen, wie sie vor der Katastrophe angebracht waren. Um dieses Vorhaben umsetzen zu können, wurden Fotos des Ortes zusammengetragen, um einzelne herumliegende Mauerstücke identifizieren zu können. Weiter beschloss man an den erfolgreich rekonstruierten Stellen keine neuen Fassaden anzubringen. Lediglich die Stellen, die nicht mehr aus den Trümmern wiederhergestellt werden konnten, wurden mit einer Fassade versehen. Dank dieser Entscheidung kann man sich heute als Besucher des Ortes ein Bild der menschlichen Höchstleistung machen, die die Einwohner Venzones im Zuge des Wiederaufbaues ihres Ortes erbrachten. Auch große Teile des Doms konnte auf diese Art und Weise rekonstruiert werden, die kahlen Mauerstücke innen und außen zeigen die Verluste. Im offenen Rathaus-Palast erinnert eine Bilddokumentation an die Katastrophe und den Wiederaufbau.“


    Wer möchte, kann weitere Infos hier nachlesen:


    https://de.wikipedia.org/wiki/Venzone


    Ich möchte euch anhand der Bilder zeigen, wie gut die Entscheidung war, den Wiederaufbau der zerstörten Stadt originalgetreu zu verwirklichen. Aber seht selbst.







    Hier der Zugang von Süden zur Stadt.







    Die teilweise wiederaufgebaute Stadtmauer.











    Venzone liegt seit Jahrhunderten an wichtigen Handelsstraßen. Davon zeugt auch dieser alte Wegweiser.





    Das Stadtbild wird überragt vom Dom aus der Mitte des 14. Jahrhunderts.







    Diese Skulptur aus Holz wurde nach dem Erdbeben von einem einheimischen Künstler geschaffen. Irgendwie soll sie wohl zeigen, wie die Menschen in ihrer Not auf Hilfe hoffen.





    Zum Vergleich Aufnahmen nach dem großen Beben.








    Die Pieta aus dem Jahr 1400.





    Die Kapelle San Michele, „wo auch Mumien erhalten sind: mumifizierte Leichen, die aufgrund eines antibiotischen parasitischen Schimmels, den man im Dom findet, überraschend gut erhalten sind. Einer Legende nach soll sich Napoléon bei seinem Durchmarsch durch Venzone gewünscht haben, hier begraben zu werden (um so der Nachwelt erhalten zu bleiben).“ Zitat aus Wikipedia









    Beim Schlendern durch die Stadt finden wir mehrere Geschäfte, die Produkte aus Lavendel verkaufen.





    Das Rathaus mit dem Markuslöwen. Im offenen Bereich im Erdgeschoß tagte öffentlich der Stadtrat.











    Der Hauptplatz gegenüber dem Rathaus.





    Der Fachmann erkennt, daß hier keine jahrhundertealte Stadtmauer steht. Stahlbeton verstärkt das Bauwerk aus Naturstein. Beim nächsten Beben könnte das halten.





    An manchen Stellen wurden die Schäden belassen.





    Wer nach langer Autobahnfahrt in den sonnigen Süden die 15 Minuten Weg nicht scheut, hat die Möglichkeit, diesen meiner Meinung nach sehenswerten Ort zu besuchen. Venzone ist seit einiger Zeit als sehenswertes Ziel an der Autobahn angeschrieben. Ich war sicher nicht das letzte Mal in Venzone, zumal es da noch einen tollen Wanderweg entlang des Flusses gibt. Aber das wäre wieder ein anderer Bericht.


    Jürgen

  • Oh - dieses Porträt der Stadt Venzone ist Dir sehr gut gelungen!
    :up:
    Das ist das Städtchen, wie auch wir es erlebt haben.
    Ein Städtchen, für das es sich lohnt, die Fahrt nach Süden zu unterberechen.
    ( Wir sind oft genug daran vorbeigefahren und haben es nicht beachtet - bis wir vor kurzem einfach einmal gehalten haben)


    Für solche, die Ihr "Bett" dabei und es nicht eilig haben ( WOWA oder WOMO) : nur wenige km davon entfernt, auf der anderen Seite des Tagliamento , kann man sehr gut auf einem CP am Lago di Cavazzo ( bei Alesso) übernachten


    Du hast sehr schöne, treffende Bilder gemacht.
    Ich werde mal schauen, ob ich zur Ergänzung noch ein paar finde.



    Liebe Grüße,
    Elke

  • Stadtplan von Venzone


    Es ist möglich, aber nicht ratsam, mit dem Auto in die Stadt zu fahren.
    Es gibt Parkplätze außerhalb des Städtchens und die Entfernungen sind nicht groß.



    Vor der Stadtmauer, Blick auf den Dom S. Andrea



    Wir Jürgen schon oben erwähnt hat, befindet sich im Erdgeschoss des Palazzo Communale eine ausführliche Dokumentation über die Geschichte der Stadt, die Geologie der Region und auch des großen Erdbebens von 1975 - Näheres dazu siehe #1


    Die Bildreihen stammen von dieser Ausstellung


    Venzone
    Februar 1976


    nach dem Beben vom 6. Mai und vom 15. Nov 1976


    Juni 2007


    Februar 1976


    November 1976


    Juni 2007


    Der Dom S. Andrea



    Nach dem Beben vom 6. Mai 1976 waren die Schäden noch nicht allzu groß.
    Aber zu diesem Zeitpunkt begann man schon, die Kunstschätze in der Kirche in Sicherheit zu bringen - zum Glück !



    Am 15. November waren die Folgen dagegen katastrophal



    Der Dom wurde sehr sorgfältig wieder aufgebaut


    Das Eingangsportal



    Der Innenraum




    Fresken konnten zum Teil wiederhergestellt werden.
    Eine mühsame Arbeit !



    Im Dom befindet sich auch die Holzskulptur von Franco Maschio zum Psalm 129
    "Dal Profondo A Te Grido O Signore"


    s. Bild in #1 und Rätsel
    https://www.schoener-reisen.at…kulptur&p=50996#post50996


    Egal in welcher Gasse man geht- immer kommt man zum Marktplatz und zum Palazzo Communale.


    Die Stadt duftete nach Lavendel - er wird in der Region angebaut und vermarktet. Im Herbst ist es die Region der Kürbisse.





    Unübersehbar: Die Venezianer prägten die Stadt




    Der Palazzo Radiussi und am Marktplatz die Fontana ottocentesca




    Die Kirche S. Giovanni neben dem ehemaligen Augustinerkloster wurde nicht wieder aufgebaut



    Die Porta San Giovanni führt hinaus auf die vielbefahrene Straße nach Gemona.



    Jürgen hat eine besondere Sehenswürdigkeit von Venzone beschrieben: die Mumien in San Michele neben dem Dom, die wohl auch Napoloen beeindruckt haben.
    Man kann sie anschauen - aber wir sind nicht hinabgestiegen in die dunkle Kammer.


    Es war ein herrlicher Spätsommertag - und wir haben uns lieber auf dem Hauptplatz im Cafe Vecchio einen Platz in der Sonne gesucht und einen Cappuccino genossen , bevor wir uns in Richtung Plöckenpass auf den Weg machten.


    Eines weiß ich : wir haben nicht zum letzten Mal in Venzone eine Pause gemacht.


    Es ist ein hübsches, sauberes, sympathisches Städtchen.
    Es ist ein Symbol für das , was Menschen fertigbringen können, wenn der Wille, die Hartnäckigkeit und die Geduld vorhanden sind, auch wenn es nach einer solchen Katastrophe wie 1976 zunächst aussichtslos erscheint.


    Gruß,
    Elke

  • Hallo Jürgen und Elke.


    Da habt ihr ja wirklich ein ansehnliches und besuchen wertes Örtchen gefunden. Die Bilder sprachen mich sofort an, denn das entspricht ziemlich genau dem, was mich interessiert.
    Danke für die Informationen.

    Viele Grüße
    Bernd
    _______________________
    Wenn Du auf Reisen gehst um etwas anderes zu sehen, dann beklage Dich nicht wenn alles anders ist.
    www.Bernds-Reiseziele.de

  • Danke an Jürgen und Elke!
    Mit diesen Bildern habt ihr mir eine große Freude bereitet, denn als ich im Juni 1976 erst Gemona und auf der Weiterfahrt den kleinen Ort sah,
    konnte ich mir nicht vorstellen, dass es mal wieder so schön aussehen könnte.
    Auch wenn das Beben im Sept. d.J. noch mehr zerstörte, war es doch im Juni schon eine einzige Katastrophe.
    Es waren kaum Leute auf den Straßen und trotzdem mochte man nicht anhalten. Nur in Gemona haben wir vor den Resten einer Kirche gestanden.
    Noch viele Jahre sah man die Behelfsheime in den Gärten stehen.

    Lieben Gruß Karin
    Wer der Sonne entgegen wandert lässt den Schatten hinter sich. (Bruno Hans Bürgel)

  • Großartige Berichte mit ebensolchem Aufwand hier eingestellt.
    Herzlichen Dank, liebe Elke, lieber Jürgen.


    Man kann es gar nicht ermessen, wie es zur Zeit der Katastrophe gewesen sein muss, welches Leid über die Bevölkerung in Sekunden herein gebrochen ist.


    Ihr habt das wirklich äußerst anschaulich zum Besten gegeben.


    Irgendwie habe ich schon ein schlechtes Gewissen, auf meinen unzähligen Fahrten in der Vergangenheit hier vorbei gefahren zu sein.


    Ehrlich gesagt habe ich , ja fast unbewusst, eine Scheu solche Orte nach Katastrophen aufzusuchen. Bedingt ist dies, durch meinen Besuch als junger Mann, als ich seinerzeit exakt 1 Jahr vor dem Erdbeben Skopje besichtigt hatte, eingetaucht in eine andere Welt mit quirligem Stadttreiben, als 18 jähriger. Und genau eben ein Jahr danach musste ich in jungen Jahren das Ausmaß dieser Zerstörung in meinem Kopfkino verarbeiten. Wenn man vor Ort war, hat man eine anders dimensionierte Vorstellung vom grausamen Geschehen.


    In Sekunden ist das Leben zurück auf 0 gesetzt. Kein Heim mehr, nichts mehr , was man sich aufgebaut hat und wenn es noch so kärglich war, wie damals bei vielen Betroffenen. Nur noch , und das oft nicht einmal, die Kleider , die man am Leib hatte. Ganz zu schweigen von den unsäglichen Erschwernissen durch Krankheiten,
    Versorgungs Engpässen und das Leben mit dem Tod als Nachbar. Einfach schrecklich , was sich da in einem jungen Mann, der sich da noch mit so viel Einfühlungsvermögen damit befasst hat, einbricht.


    Man kann es einfach nicht verdrängen, wenn man durch dieses gefährdete Erdbebengebiet fährt. Siehe auch Gemona.


    Es lässt natürlich auch wieder Erwartungen freien Raum , wenn man im Wandel der Zeiten erkennen darf, dass dort immer wieder Mutlosigkeit und Schwermut verdrängt wird.


    Und neues urbanes Leben wachsen kann, was im Ergebnis zu den von euch gezeigten schönen Motiven geführt hat.


    Ganz lieben Gruß
    Helmut

    Wer nichts weiß, muss alles glauben.
    Marie von Ebner-Eschenbach

  • Lieber Jürgen, liebe Elke! Liebe Alle!


    Mehr als 5 Jahre nach dem Entstehen Eurer wunderbaren Berichte über Venzone schliesse ich mit einigen Bildern und einer kurzen Schilderung meines Erlebens in Gemona und Venzone an.


    Ich will mit Venzone beginnen, obwohl der steinerne Christopherus von Gemona Ausgangspunkt von alldem war.


    1993, 1995 und 1997 besuchten wir diese beiden beeindruckenden Orte. Das ist ziemlich lang her, bei den Fotos handelt es sich wieder um eingescannte Papierbilder, also nicht so toll. Hoffentlich aber ein wenig interessant.


    Das schwere Erdbeben im Friaul von 1976 lag damals schon viele Jahre zurück. In Gemona war der Wiederaufbau sehr weit fortgeschritten. In Venzone fanden wir die später so phantastisch rekonstruierte Kirche noch unter Gerüst vor:



    Die von Elke beschriebene Kirche S. Giovanni, die nicht mehr wieder aufgebaut wurde, stand mit ihren Mauerresten wie frisch nach dem Beben da.



    Und auch diese Mauerteile lassen etwas von vorangegangener Schönheit und dem Ausmass der Zerstörung erahnen.



    Zwei und vier Jahre später war die Kathedrale wieder fast gänzlich aufgebaut. Ich werde nie vergessen, wie beeindruckt ich über diese unbeschreibliche Initiative der Bewohner war, solche Bauwerke aus den einzelnen Bestandteilen zu rekonstruieren und wieder aufzubauen.


    Eine aktuelle Begeisterung, die ich empfand, will ich Euch nicht vorenthalten. Ich suchte im Internet nach Dokumenten des Wiederaufbaus und fand - Euren Beitrag: Venzone- Auxerstanden aus Ruinen. So interessant sind Eure Beiträge also für die Allgemeinheit! Wie schön! ---


    Die Bilder der wieder augebauten Kathedrale gibt es in Eurer Dokumentation schon. Ich füge sie in Kleinausgabe noch eimal ein.





    Besonders beeindruckend die ebenfalls schon beschriebene Holzskulptur. Sie könnte neben der Verzweiflung und den Hilferufen auch den Zusammenhalt der Menschen beim wiederaufbau zum Ausdruck bringen...




    Auch das beeindruckende, grossteils erhaltene Fresko im Inneren soll hier noch einen Platz finden:



    Fährt man im Kanaltal einige km Richtung Norden, steht man in Gemona. Und somit in einem Ort, der von den beiden Beben von 1976 scheinbar noch schwerer betroffen war. Das Epizentrum der Katastrophe vom Mai lag nahe Gemones und forderte dort 370 Menschenleben, wie aus dem folgenden Bericht im Internet zu entnehmen ist. Man sieht auch, das der Dom schon im Mai

    auf einer Seite eingebrochen ist. Das 2. Beben hat wohl noch weitere Schäden verursacht.


    http://www.gemonaturismo.com/g…ruzione-riuscita/?lang=de


    Wie auf einer alten Ansichtskarte, die ich aufgehoben habe, zu sehen ist, klafft dort, wo heute der steinerne Christophorus steht, eine grosse Lücke.


    Die Menschenleben waren nicht zu ersetzen! Der Wiederaufbau des Ortes und die Rekonstruktion des Doms erfolgte auf wunderbare Weise.




    Der steinerne Christophorus steht wieder - in alter Grösse und neuem Glanz - an seinem alten Platz. Als echter Patron der Reisenden schaut er würdevoll allen entgegen, die die Strasse nach Gemona nehmen.



    Herzlichen Gruß an Euch alle!

    Susanne

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